Serie: „Wir sind die Neuen“
Die Pionierin der CDU

Cemile Giousouf ist überzeugt: Die CDU hat SPD und Grüne in der Integrationspolitik längst überholt. In Hagen – ihrem Wahlkreis – wirbt die muslimische Christdemokratin deshalb offensiv um die Stimmen von Migranten.
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Düsseldorf„Und Sie sind also die Neue.“ Ja, dieser Satz begleitet Cemile Giousouf. Sie hört ihn, wenn sie in Hagen über die Ausbildungsmesse geht, wenn der Stadtkämmerer mit ihr in die Bücher schaut, wenn sie Migrantenvereine besucht oder beim Sommerfest des Ruhrtaler Sängerbunds erscheint. Die 35-Jährige macht sich bekannt, denn sie wohnt erst seit kurzem in Hagen, dieser 187.000-Einwohner-Stadt im südlichen Ruhrgebiet. Trotzdem tritt Cemile Giousouf am 22. September als Direktkandidatin der CDU im Wahlkreis 138 an – als erste muslimische Bewerberin der Partei überhaupt. Ihr Wunsch: Die Menschen aus Hagen und dem Ennepe-Ruhr-Kreis im Bundestag zu vertreten.

„Ich kann nicht leugnen, dass ich von auswärts komme und will das auch überhaupt nicht“, sagt Giousouf. Im Gegenteil: Sie begreift ihre unvoreingenommene Sicht auf die Stadt als Chance. „Ich verfahre nach dem Motto: Bitte zeigen Sie mir Ihr Hagen!“, erzählt sie. „Und das funktioniert: Ich glaube, die Leute freuen sich über mein Interesse.“ Es ist ihre Offenheit, die ihr dabei hilft. Im Gespräch antwortet sie nicht nur auf Fragen, sie stellt Gegenfragen. Sie will wissen, wer ihr da gegenübersitzt.

Überzeugt hat sie mit ihrer direkten Art auch die Delegierten der örtlichen CDU. Da sich bis Anfang des Jahres in den eigenen Reihen kein Kandidat fand, wurde der Landesvorstand um Rat gefragt. Das Deutsch-Türkische Forum der NRW-CDU drängte erfolgreich darauf, mit Cemile Giousouf eine Frau mit Migrationsgeschichte ins Rennen zu schicken. Der Landesvorsitzende Armin Laschet, der Giousouf 2009 noch als Integrationsminister zur Referentin in seinem Haus gemacht hatte, sah es mit Freude. So fuhr Giousouf aus Aachen nach Hagen und startete die Werbekampagne in eigener Sache. Als plötzlich doch noch ein einheimischer Kandidat auftauchte, hatte sie schon ausreichend Pluspunkte gesammelt – 53 der 81 Delegierte sprachen ihr das Vertrauen aus und machten sie zur CDU-Direktkandidatin.

„Es ist richtig und wichtig, dass sich die Partei für Neues öffnet“, sagt der CDU-Kreisgeschäftsführer. Eine Muslima in der C-Partei, deren Fraktionschef im Bundestag mit dem Satz zitiert wird, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Eine Aussage von Volker Kauder, die ihrer Ansicht nach auch zu Missverständnissen und zu dem Gefühl führe, nicht willkommen zu sein. „Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist das sicher erst mal nicht förderlich“, sagt Giousouf in einem Interview. Da verweist sie lieber schnell auf den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff, der das Gegenteil von Kauder gesagt habe. Und das „C“? „Für mich ist entscheidend, dass der Glaube in der CDU allgemein eine wichtige Rolle spielt.“

Unter ihren Mitstreitern beim Deutsch-Türkischen Forum ist die Begeisterung nach ihrer Nominierung jedenfalls groß. „Zum ersten Mal in der Geschichte der NRW-CDU kandidiert eine Türkischstämmige, deren Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, für ein Bundestagsmandat in der CDU“, sagt der Vorsitzende Bülent Arslan. „Das ist ein historischer Tag.“ Ihre Kandidatur ist auch der Versuch, neue Wähler für die Union zu gewinnen. „Im Wahlkampf möchte ich offensiv auch um die Stimmen von Migranten werben – einige junge Interessierte konnte ich bereits gewinnen“, sagt Giousouf.

Insbesondere in den Städten hat die CDU in den vergangenen Jahren an Zustimmung verloren – auf den Chefsesseln der Rathäuser von Stuttgart, Karlsruhe und Wiesbaden sitzt jetzt die politische Konkurrenz. Von Metropolen wie Hamburg und Berlin ganz zu schweigen. Für viele muslimische Familien ist die CDU allein schon wegen des „C“ im Namen befremdlich. Laut einer Analyse des Islamarchivs in Soest zur vergangenen Bundestagswahl würden 35 Prozent der muslimischen Bevölkerung die SPD wählen, 17,7 Prozent die Grünen. Die CDU lag hingegen bei knapp vier Prozent.

Die Tendenz zur SPD bei Türkischstämmigen wird durch die Gewerkschaftsnähe vieler Migranten, die lange Zeit ausländische Arbeitnehmer gewesen sind, erklärt. Bei den Grünen zieht der Parteivorsitzende Cem Özdemir, selbst türkischer Abstammung, Stimmen. Auf einen ähnlichen Effekt setzt Cemile Giousouf.

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Die CDU unter Frau Merkel hat die SPD und die Grünen
    überflüssig gemacht. Die sozialistisch begeisterten
    wandern zur LINKEN.

    ...

    Die sozialdemokratisierende CDU hat dafür wohl ihren kon-
    servativen Flügel vernachlässigt oder sogar verloren.
    Die FDP scheint vollkommen in der Versenkung zu verschwinden.
    Die Wahrscheinlichkeit, dass eine neue konservativ-liberale
    Partei in den nächsten Bundestag kommt ist ziemlich hoch.
    Ob diese Partei, vielleicht AfD heißt, und dieses Vakuum
    schließen kann, wird die Zukunft zeigen!

    +++ Kommentar von der Redaktion editiert. Bitte halten Sie sich an unsere Netiquette: http://www.handelsblatt.com/netiquette/ +++

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