Serie: Wir sind die Neuen
Vom Soldaten zum Friedensstifter

Was macht ein Soldat, wenn er den Dienst quittiert? Er geht in die Politik – am besten gleich in den Bundestag, um dort als Pirat für Frieden einzutreten. Das jedenfalls ist der Plan von Sebastian Harmel.
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DresdenAn manchen Tagen fühlte er sich so ohnmächtig, weil er den Kopf einfach nicht frei bekam. Die Verantwortung für die Kameraden, die Gewalt, der Tod – das war alles ganz schön heftig. „Entweder du trinkst viel Alkohol oder machst viel Sport“, sagt Sebastian Harmel „Und dann merkst du: Nichts davon hilft, nichts betäubt dich genug.“

Mit 18 wurde Harmel Zeitsoldat, auch drei Auslandseinsätze gehörten in den vergangenen Jahren dazu. Erst war der heute 31-Jährige Hauptmann im Kosovo, später zweimal in Afghanistan stationiert. Bei Fahrten durch den Hindukusch führte er hunderte Gespräche mit den Einheimischen und erlebte, wie fragwürdig der Anspruch ist, in dieser vollkommen fremden Kulturen als Ordnungsmacht auftreten zu wollen. Harmel weiß, was Krieg bedeutet. Und er hat die Nase voll davon.

Nun läuft sein Vertrag mit der Bundeswehr aus. Und Harmel hat für sich einen Weg aus dem Desaster zwischen Gewissen und beruflicher Pflicht gefunden: Er will für die Piraten in den Bundestag, um sich dort für Frieden einzusetzen. Harmel glaubt: Die Gesellschaft müsse einen anderen Weg finden, um mit Konflikten umzugehen. „Krieg ist niemals eine Lösung“, sagt er. „Warum nicht stattdessen gleich Gutes tun?“

Dass er dabei so klingt, als wäre er in der falschen Partei, lässt dieses Lachen auf seinem Gesicht aufblitzen, das von einem Ohr zum anderen zu reichen scheint. Die Piraten haben noch keine detaillierte Partei-Haltung in Sachen Krieg und Frieden – ganz im Gegensatz zu den Linken oder den Grünen. Und tatsächlich ist es Zufall, dass Harmel bei den Piraten gelandet ist:

Mit dem Fahrrad fuhr er durch die Dresdener Altstadt, wo er nach Stationen wie Hamburg oder Koblenz seit gut einem Jahr wieder wohnt. „Eigentlich sind diese Infostände nichts für mich“, sagt er. Doch dieses Mal hielt er an. Warum genau, weiß er auch nicht. Vielleicht war es eben genau diese Suche nach einem Ausweg aus dem Kopfkino aus Gewalt und Krieg, die ihn beschäftigte. Vielleicht auch die Frage, in welcher Welt sein Kind aufwachsen soll. Oder beides.

Kommentare zu " Serie: Wir sind die Neuen: Vom Soldaten zum Friedensstifter"

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  • Verkürzte Form der Vereidigungsformel. Im Original heißt es: "... der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit ...". Seit ca. 20 Jahren müßte jeder, zur Bundeswehr geht, wissen, dass die Landesverteidigung nicht mehr alleinige Aufgabe des Militärs ist. Die angedachten Zeiten der großen Panzerschlacht in der Norddeutschen Tiefebens ist vorbei. Die heutigen Szenarien sind ganz andere. Wem das nicht zusagt, muss ja nicht Soldat werden.

  • Zu der Zeit als ich Soldat war, lautete unsere Aufgabe "das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen". Es war also nicht unsere Aufgabe als Soldaten der Bundeswehr, Anderen die Freiheit zu bringen. Das GG schreibt ja auch verbindlich vor: "Der Bund stellt Streitkräfte zu SEINER VERTEIDIGUNG auf." Im Ernstfall hätten wir auch alle, so sinnlos es gewesen wäre, unserer Aufgabe nachkommend gehandelt.
    Heute ist es leider Tatsache, dass unsere Verfassung so oft schon gebogen und gebrochen wurde, dass dies alles seinen Sinn und Wert verloren hat. Aber unser Volk träumt, oder es ist dem einzelnen Bürger alles reichlich egal. [...]

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Es steht nicht gut um die Ergebnisse der Einsätze in Afghanistan und eigentlich überall wo interveniert wurde. Zu A. wollen die Amerikaner jetzt mit den Taliban verhandeln und drohen auch den kompletten Sofortabzug an. Vergessen die hochtrabenden Ziele mit denen uns die Politiker ihre Politik verkauft haben. Am Ende zeigt sich das etwas hässliche Gesicht reiner Machtpolitik.
    Es wird höchste Zeit, dass im Parlament endlich einmal Klartext geredet wird, jenseits der Argumentations- und Rechtfertigungsschemata der etablierten Parteien.
    Wer könnte das besser, authentischer als jemand aus eigener Erfahrung Politikfolgen reflektiert und auch noch bereit ist, sich aktiv zu engagieren. Hoffentlich klappt es mit dem Einzug ins Parlament.

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