Social Media im Wahlkampf
Das unbequeme Netz

Handschriftliche Notizen, Schmähplakate, Haustürbesuche: Um Wahlverweigerer zu mobilisieren, reicht altbackener Wahlkampf häufig nicht aus. Warum die Parteien den Meinungsaustausch im Netz dennoch kaum anschieben.
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Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, was Thorsten Faas, Wahlforscher an der Universität Mainz, den Wahlkampfstrategen der Parteien da unter die Nase reibt. Die klassische Wahlwerbung hätte kaum Effekte auf eine Zielgruppe, die letztlich wahlentscheidend sein könnte: Deutschlands steigende Zahl an Nichtwählern.

Plakate, Wahlveranstaltungen, Fernsehbeiträge – sie hätten wenig Effekt auf die Gruppe der „politisch wenig Interessierten“, Millionen von Deutschen also. Entscheidend für deren Orientierung in der Parteienlandschaft sei der Austausch mit anderen, mit Freunden etwa, oder Kollegen. Faas‘ Fazit: Wollten die Parteien hier großflächig mobilisieren, müssten sie ihren potenziellen Wählern eine Gesprächsplattform im Netz anbieten, „das digitale Äquivalent zur persönlichen Unterhaltung schaffen.“ Warum aber passiert bislang in Deutschland dergleichen nur wenig?

Hört man die Wahlkampfmanager und strategischen Strippenzieher, so ist – aller Wahlbeobachtung zum Trotz – bei den meisten Parteien der Glaube verankert, dass sich über den Dialog mehr Menschen beeinflussen lassen, als über den Meinungsaustausch auf einem der Social-Media-Kanäle, wie Facebook, Twitter oder Blogs.

„Die Genossen werden die Wahl in Wohnblocks entscheiden, nicht in Internetblogs“, sagt etwa Karsten Göbel, der mit seiner Agentur Super J+K den Wahlkampf der SPD betreut. In jedem der 299 Wahlkreise gebe es einen Kampagnenmacher, der die Menschen zu Hause treffe, wenn sie sich dafür vorab online registrieren. Fünf Millionen Menschen will die SPD über diesen Tür-zu-Tür Wahlkampf erreichen.

Die CDU kalkuliert in noch größeren Kategorien: Zehn Millionen Haushalten will sie einen Besuch abstatten. Auch Grünen-Wahlkämpfer Robert Heinrich pocht auf das aktive Auf-die-Menschen-Zugehen, canvassing, wie er es nennt. Jugendlich, wie die Grünen seien, „schaffen wir es nicht nur bis zum Erdgeschoss, sondern bis in den sechsten Stock.“

Daneben kursiert die Ansicht, dass es in Deutschland nicht genug Anhänger gebe für eine groß angelegte Kampagne im Netz. „Ein Wahlkampf wie in den USA ist in Deutschland nicht möglich“, sagt Dennis Schmidt-Bodemann, der den Wahlkampf der FDP plant. Schuld sei die Demographie. Im Vergleich zu den USA gebe es in Deutschland zu wenige digital natives, solche Wähler also, die bereits mit dem Internet und der digitalen Kommunikation aufgewachsen sind.

Allein, ganz geheuer scheint den Wahlstrategen ihre passive Haltung gegenüber Social Media selbst nicht zu sein. In einem Nebensatz räumt SPD-Wahlkämpfer Göbel ein, dass Blogs doch „nicht ganz unwichtig“ seien – für die Wahrnehmung der Partei. Auch die CDU, die vor allem vermeiden will, die gegnerischen Nichtwähler durch allzu aktive Wahlkampfmanöver zu mobilisieren, weiß um die Unentschlossenen: „Wenn wir die Masse der Berufstätigen erreichen wollen, sollten wir Social Media im Wahlkampf nicht unterschätzen", sagt der ehemalige Bundesvorstand Peter Radunski. Grüne und FDP, sie lenken schließlich auch ein: „Ohne Internet können wir die Wahl verlieren.“

Kommentare zu " Social Media im Wahlkampf: Das unbequeme Netz"

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  • Wenn mich einer besuchen käme, ich würde ihn gar nicht rein lassen...

    Oder besser, lassen Sie ihn rein und klären Sie ihn auf!
    Er macht doch nur deswegen Reklame für den korrupten Haufen von verblödeten Politträume(r)n, die mit der Wirklichkeit nichts gemein haben, weil er absolut keine Ahnung von der Realität hat!
    Schließen Sie Ihre Tür ab und hauen Sie ihm die Argumente um die Ohren.
    Wetten, dass der nie wieder Blödsinn an einer Haustür erzählt?

  • Gut erkannt, Eddie.
    Ich poste auch nur noch anonym mit einer Fake-Addy

  • Genau, deshalb macht es nur Sinn, hier zu schreiben.
    Politiker kommen am HB sowieso nicht vorbei. Ich frage mich sowieso schon länger, warum Twitter, Facebook @ Co. mit ihrer Datensammlungswut benutzt werden. Aber das muss jeder selbst entscheiden.

    Die Piratenpartei hat dazu einen ganz klaren Standpunkt.
    http://www.piratenpartei.de/

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