Thorsten Schäfer-Gümbel im Porträt
Vom Notnagel zum Hoffnungsträger

SPD-Spitzenmann Schäfer-Gümbel hat die Partei in Hessen nach dem Ypsilanti-Desaster wieder geeint. Die Landtagswahl wird für den 43 Jahre alten Aufsteiger zur großen Bewährungsprobe.
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WiesbadenEine heimelige Wohnzimmerkulisse mit Bücherregal inklusive Schanghai-Poster: In Plauderrunden, moderiert von einer TV-Moderatorin, hat sich Thorsten Schäfer-Gümbel in den vergangenen Wochen den Hessen vorgestellt. Das Dekor hat der Oberstratege der hessischen SPD bewusst ausgewählt. „TSG“, der seit Kindheitstagen in Gießen lebt und großer China-Fan ist, will im Land mit einer Mischung aus Bodenständigkeit und Weltläufigkeit punkten.

Innerhalb der Hessen-SPD hat es der 43 Jahre alte Schäfer-Gümbel immerhin geschafft, einen zutiefst gespaltenen Haufen in vier Jahren wieder aufzurichten. Als 2008 die Wahl von Andrea Ypsilanti zur ersten hessischen Ministerpräsidentin an vier Abweichlern in den eigenen Reihen scheiterte, rückte der junge Hinterbänkler aus Mittelhessen an die Spitze von Partei und Fraktion.

Damals wurde der mit 1,92 Metern hochgewachsene Mann mit der großen Brille überall belächelt. Inzwischen gilt der Notnagel als Hoffnungsträger, der zumindest Hessen für die SPD am 22. September zurückerobern soll – falls im Bund Peer Steinbrück abschmieren sollte.

„TSG“ ist ein disziplinierter Arbeiter, der mit Fleiß und Geschick die Parteiflügel wieder zusammengebracht hat. Politisch kommt der Aufsteiger aus der linken Ecke – Gerechtigkeit am Arbeitsplatz und Chancengleichheit in der Bildung sind seine Lieblingsthemen. Doch er kann sich als Finanzexperte seiner Partei inzwischen auch fachkundig zu den Problemen am Bankenplatz Frankfurt äußern. Dabei hat Schäfer-Gümbel nicht nur an seiner Rhetorik gefeilt. Er ist auch zugänglicher und geschmeidiger geworden. Die Wirtschaft im stark globalisierten Hessen will er nicht verschrecken.

Dass Schäfer-Gümbel das Thema Ungerechtigkeit stark umtreibt, ist wohl in seiner lupenrein sozialdemokratischen Biografie angelegt. Geboren in Oberstdorf im Allgäu, kam der älteste Sohn eines Zeitsoldaten nach dem Umzug der Familie in jungen Jahren nach Gießen. Der Vater fuhr dort Lastwagen, die Mutter arbeitete als Putzhilfe.

Als einziges der vier Kinder machte er dank der Empfehlung eines Lehrers Abitur und studierte danach Politologie – mit einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung. Denn bereits als Schüler war Schäfer-Gümbel bei den Jusos aktiv. Danach arbeitete er in der Gießener Stadtverwaltung an der Erneuerung eines Problemviertels, bevor er in die Landespolitik einstieg. Im Alter von 33 Jahren kam er in den Landtag.

Fest verwurzelt ist der leidenschaftliche Twitterer Schäfer-Gümbel auch privat. Seine Frau Annette Gümbel, eine promovierte Historikerin, hatte er bereits im Studium kennengelernt. Ihr zuliebe trat er von der katholischen zur evangelischen Konfession über. Beide haben drei Kinder.

Seinem Geburtsland Bayern ist Schäfer-Gümbel als großer Fan von Deutschlands erfolgreichstem Fußballverein treu geblieben. Zehn Jahre lang war er auch Mitglied des FC Bayern – wegen der Steueraffäre um Uli Hoeneß trat er dieses Jahr aus. In Hessen hat der SPD-Oppositionsführer vor der Wahl eine Unterschriftenkampagne für „mehr Engagement gegen Steuerflucht“ gestartet.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Auf dem Foto ist doch Elton von Pro7, oder?

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