TV-Kritik
Warum ihre Chefs die Mautfrage klären müssen

Minister Ramsauer stritt mit SPD-Verkehrspolitiker Pronold bei Anne Will auf zünftigem Nein-Doch-Diskursniveau über die Maut. Geboten wurde eine Show mit einem Rekord: dem höchsten Durcheinanderrede-Anteil des Jahres.
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„Nichts Genaues weiß man noch immer nicht“, lautete einer der launig intonierten Sätze des Sprechers im ersten Einspielfilm von Anne Wills Talkshow „Streitfall Maut – zahlen am Ende auch die deutschen Autofahrer?“. Erwartungsgemäß endete das Filmchen mit dem Kraftwerk-Song „Wir fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn“. 75 Minuten später wusste man an diesem am Mittwochabend auch nichts Genaues über verkehrspolitische Vorhaben der mutmaßlichen nächsten Bundesregierung.

Das war aber ebenfalls zu erwarten gewesen. Schließlich ging es um eines der größeren Streitfelder in den laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD. Dass die taktisch versierten Parteipolitiker die Einigung, die sie bisher hinter verschlossenen Türen nicht hinbekommen haben, nun ausgerechnet vor ARD-Kameras aushandeln würden, können selbst Talkshow-Enthusiasten nicht erwartet haben.

Stattdessen wurde eine der Talkshows mit dem höchsten Durcheinanderrede-Anteil des laufenden Jahres geboten – und das, obwohl nur vier Gäste im Studio saßen. Die beiden Verhandlungsführer der Koalitionäre waren darunter: der amtierende Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und der SPD-Verkehrspolitiker Florian Pronold, ebenfalls ein Bayer.

Die beiden lieferten einen authentischen Widerschein der offenbar heftigen Streitigkeiten. Man könne zwar in ein Papier schreiben, dass ein Kreis ein Quadrat sei, aber das mache Kreise noch nicht zu Quadraten (Pronold), man müsse die Kirche im Dorf lassen (Ramsauer) – auf diesem Diskursniveau hatten sich die beiden bereits nach zehn Minuten eingependelt. Ramsauer zeigte sich zu lebhaftem Mienenspiel so sicher in der Materie wie oft, wenn es um Straßenverkehr (und nicht etwa Schienenverkehr oder Flughäfen) geht, und wiederholte bekannte Positionen über den CSU-Plan der Maut beziehungsweise der „Kostenbeteiligung ausländischer Autofahrer auf deutschen Straßen“.

Ebenso tat es auf seine Weise Pronold, der zweifellos ein schwieriger Verhandlungspartner ist. „Wir werden uns beim Thema Maut in der einen oder anderen Form einigen“, sagte er gleich anfangs, um anschließend meist anderer Meinung als Ramsauer zu sein. Letztlich – auch das zeigte die Diskussion – wird die Mautfrage wohl von den drei Parteichefs entschieden.

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  • Was für ein verlogenes Bauerntheater. Alle neuen Steuern/Abgaben oder deren Anhebung kommen am Ende immer beim Bürger an. Manche auch auf verborgenen Wegen, die sind den Politikern die liebsten. Oder glaubt jemand ernsthaft daran, dass zusätzliche finanzielle Belastungen des Staats, auf dem Weg zum Bürger, irgendwo sonst hängenbleiben? Das soll vor dem dummen deutschen Michel aber verschleiert werden, deshalb die vielen Nebelkerzen und umgedrehten Wegweiser.

  • Un-williges, rum-sauern und pro-nölen!
    Unprofessionelle Salbaderei 'coram publico'. Wenn Verhandlungsführer in einem globalen Unternehmen der Wirtschaft die Diskussion strategischer Überlegungen in gleicher dilettantischer und unfertiger Weise in die Öffentlichkeit tragen würden - wäre eine Abmahnung und die sofortige Entbindung von dieser Aufgabe eine folgerichtige Konsequenz.
    Lasst uns die gesamte Koalitionsverhandlung doch gleich im Big-Brother-Format fortführen. Das wäre echte Basisdemokratie. Die Crew morgens beim gemeinsamen Duschen zu erleben, das hätte zusätzlich voyeuristischen Unterhaltungswert.
    Erschreckend, dass die mediale Landschaft den Politikern die Plattform für diesen dumpfen Verlautbarungsjournalismus liefert. Politikermund tut Schwachsinn kund. Diesen nicht zu drucken und zu senden wäre die veritable Rolle eines kritischen Journalismus.
    Zum Schluss noch das Statement des Tages: „Kräht der Hahn auf dem Mist ändert sich's Wetter - oder's bleibt wie es ist.“



  • es ist doch immer wieder ein augen+ohrenschmaus selbstverliebte machthaber zuzuschauen. Man fühlt sich anschliessend wie ein richtiger mensch.

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