Wahlkreis 15
Aufstand im Merkel-Land

In ihrem Wahlkreis gilt Angela Merkel als Superstar. Doch die Region kämpft mit Arbeitslosigkeit und Niedriglöhnen – den Wahlergebnissen der Bundeskanzlerin schadet das nicht. Warum nur? Ein Besuch in ihrem Wahlkreis.
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Düsseldorf/Stralsund„Frau Merkel? Keine Ahnung“, sagt eine Passantin. Ein Mann mit Hund sagt: „Hat die tatsächlich hier in Stralsund ein Büro? Hab´ ich noch nie gesehen.“ Doch hier irgendwo muss es sein, mitten auf der Ossenreyerstraße, der Einkaufsmeile in der Stralsunder Altstadt. Doch wo nur? Eine Frau mit Einkaufstüten zuckt nur mit den Schultern. Doch dann deutet eine Passantin an eine Hauswand: „Sehen Sie das goldene Schild?“

Tatsächlich. Abgeordnete Dr. Angela Merkel steht da auf goldenem Grund. Auch auf dem Klingelschild im Eingang des Wohnhauses steht ihr Name. Doch es macht niemand auf. Vielleicht ist gerade Mittagspause. Vielleicht ist das Büro nicht besetzt. Oder Besucher sind nicht erwünscht. Auch per Telefon war niemand zu erreichen.

Wahlkreis 15: Das ist seit 1990 der von Angela Merkel. Von Rügen über Nordvorpommern bis Stralsund wurde sie immer direkt in den Bundestag gewählt, zuletzt mit fast 50 Prozent. Auch wenn die Ergebnisse nicht immer so gut waren: Neben ihr haben andere keine Chance. Die Bundeskanzlerin ist hier der Superstar. Im Hotel Scheelehof ist man so stolz, dass die Kanzlerin sich in das Gästebuch eingetragen hat. Da hat man gleich ein Bild von Merkel im Fahrstuhl aufgehängt. Für die Menschen hier ist sie etwas Besonderes. „Merkel bringt Glanz und Prominenz zu uns“, sagt ein Stralsunder, der am Pier seine Angel ausgeworfen hat. „Wir sind stolz auf unsere Kanzlerin.“ Wenigstens etwas, auf das man stolz sein kann.

Denn die Region gilt als strukturschwach. Rund 200.000 Menschen leben hier – Tendenz sinkend. Ihr bedeutendster Wirtschaftsfaktor ist der Tourismus. Doch das heißt gleichzeitig: Saisonarbeit und niedrige Löhne. In Stralsund ist die Volkswerft der größte Arbeitgeber, doch auch der geht es nicht gut. Und so ist die Arbeitslosigkeit im Wahlkreis hoch. In Stralsund liegt sie bei 10,8 Prozent, in der Region Greifswald liegt sie sogar bei 13,2 Prozent - die höchste Quote im Mecklenburg-Vorpommern. Zum Vergleich: Der Arbeitslosenquote auf Bundesebene liegt bei 6,8 Prozent. Die Folge: Die Jungen ziehen weg, weil es keine Perspektive gibt. Übrig bleiben die Alten. Der Wahlkreis könnte eigentlich ein gutes Pflaster für die SPD sein. Doch die tut sich schwer.

Es ist kein Glückstag für Sonja Steffen. Dabei ist die SPD-Bundestagsabgeordnete und Gegenkandidatin der Bundeskanzlerin motiviert und guter Dinge. Gegen die Kanzlerin wird sie wohl auch dieses Mal keine Chance haben, 2009 holte Steffen gerade mal zwölf Prozent. Selbst die Kandidatin der Linken, Marianne Linke, holte mehr Stimmen, 26 Prozent. Doch davon lässt sich Steffen nicht unterkriegen. Sie kämpft für den Wechsel. Für Steffen heißt das: Keine freien Tage mehr bis zur Wahl. Stattdessen: Straßenwahlkampf, Plakate hängen, Diskussionen führen.

Kommentare zu " Wahlkreis 15: Aufstand im Merkel-Land"

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  • Das ist das Ziel der Frau Merkel. Überall in Deutschland sollen zustände sein, wie in Ihrem Wahlkreis. Deshalb erhöht Sie auch die belastungen und verschtung gegenüber der Kinder/Jugend!

  • Wer sind denn da die Gegenkandidaten - ich meine, es wird doch auch Leute geben, die gerade die hohe Arbeitslosigkeit als Ausharren und Aussitzen bekämpfen.

    Oder gehen diese Leute einfach nur nicht wählen?

  • Man sollte sich vieleicht anschauen, wer alles der Frau Merkel seine Stimme abgibt. Das sind vor allem die Wohlhabende, deren es noch relativ gut geht oder die politisch Unbebildeten. Die wenig politisch gebildeten schauen nämlich nur auf die Wahlplakate, ob das Gesicht ihrer Ansicht nach intellegent und sympatisch ist. So ein Quark wie "Gemeinsam erfolgreich" spielt für die eine wichtigere Rolle, als das, was im Parteiprogram drin steht. Mir sagt z.B. "Gemeinsam erfolgreich" über die Partei überhaupt nichts.

    Was ich noch auffällig finde, dass die meisten Menschen keine Wahrheit hören wollen. Je mehr Lügen, desto besser und vertraunswürdiger ist der Politiker.

    Die meisten nehmen die Wahlen nicht so ernst und verstehen nicht, dass die Politik eine sehr wichtige Rolle in ihrem Leben spielt.

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