Bundestagswahl
Aussiedler wählen nicht mehr zwingend CDU

Früher konnte sich die Union auf die Stimmen der Aussiedler verlassen. Doch das hat sich geändert. Auch unter den türkischstämmigen Wählern zeigen sich neue Präferenzen. Wie Migranten abstimmen - und damit die Bundestagswahl entscheiden.

BERLIN. Als Helmut Kohl 1994 die Wahl ganz knapp mit 0,3 Prozentpunkten Vorsprung gewann, verdankte er das auch den Aussiedlern. Doch diese Bank ist der Union heute längst nicht mehr sicher. "Die Präferenz der Spätaussiedler für die Union ist nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr so klar wie früher", sagt der Mannheimer Wahlforscher Andreas Wüst, der sich speziell mit politischen Einstellungen von Migranten befasst. Hatten 2002 noch 55 Prozent die Absicht, die Union zu wählen, beträgt dieser Anteil heute nur noch 40 Prozent.

Insgesamt gibt es nach Angaben des Bundeswahlleiters mittlerweile rund 5,6 Millionen wahlberechtigte Migranten. Innerhalb dieser Gruppe stehen sich jedoch zwei Blöcke gegenüber: Da sind auf der einen Seite rund 2,6 Millionen Aussiedler, die tendenziell der Union nahe stehen. Die übrigen Migranten tendieren eindeutig nach links. So gibt es etwa unter türkischstämmigen Wählern "nach wie vor eine klare Präferenz für linke Parteien, allem voran für die SPD", sagt der Wahlforscher Wüst.

Weil einerseits die Zahl der neu aufgenommenen Aussiedler stark zurückgegangen ist, andererseits zunehmend Ausländer eingebürgert werden - im Schnitt rund 100 000 pro Jahr - haben sich die Gewichte verschoben. "In der Summe profitieren heute linksgerichtete Parteien stärker von den Wählern mit Migrationshintergrund als noch 2002. Bei einem knappen Wahlausgang könnte diese Gruppe durchaus zum Zünglein an der Waage werden", sagt Wüst.

Die Datenbasis ist allerdings nicht sehr breit, klagt der Wissenschaftler. Denn die großen Wahlforschungsinstitute, die häufig Umfragen für die öffentlich-rechtlichen TV-Sender machen, interessieren sich offenbar nicht für die wachsende Wählergruppe der Migranten.

Von 2,8 Millionen türkischstämmigen Einwohnern hat mittlerweile etwa eine halbe Million das Wahlrecht. Wenn es nach ihnen ginge, bekäme Rot-Grün eine satte Mehrheit von gut 70 Prozent, ergab eine Umfrage des Berliner Instituts Data4U im März unter 3000 Deutsch-Türken, von denen ein Drittel wahlberechtigt ist.

"Obwohl Deutsch-Türken mehrheitlich eher religiös-konservativ einzuschätzen sind, honorieren sie vor allem die Positionen der SPD und der Grünen zum Integrationsprozess", sagt Data4U-Chef Joachim Schulte. Dieses Muster ist zudem offenbar stabiler als das Wahlverhalten der Aussiedler: "Russlanddeutsche würden eher SPD wählen als Deutsch-Türken die Union", sagt Wüst.

Den türkischstämmigen Grünen-Chef Cem Özdemir würde nach der Data4U-Umfrage ein Viertel der Deutsch-Türken sogar zum Kanzler wählen - SPD-Mann Frank-Walter Steinmeier jeder Fünfte, Angela Merkel lediglich gut sieben Prozent.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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