Bundestagswahl
Die Piraten kommen

Bis vor kurzem wurde die Piratenpartei ausschließlich als Plattform für Internet-Jünger wahrgenommen. Doch unbemerkt versucht sie ein Projekt, das man sonst von Union und FDP erwartet: Sie will den Mittelstand entern. Und die etablierten Parteien beginnen die plötzlich heranwachsende Konkurrenz ernst zu nehmen.

DÜSSELDORF. Frank-Walter Steinmeier würde sich nicht so vorstellen. Auch nicht Angela Merkel oder Guido Westerwelle. Und Ursula von der Leyen? Erst recht nicht. Ein Mittdreißiger mit dunklen Haaren steht da vorn, im spießigen Ambiente des Kolping-Saals zu Düsseldorf. Er bewirbt sich um einen Listenplatz für die NRW-Landtagswahl. "Ihr kennt mich aus der Mailing-Liste vielleicht als SKLM8", sagt er. Niemand lacht. Niemand fragt. Einige heben den Kopf: Ach, das ist SKLM8?

Sein Publikum sitzt eng beieinander, steigende Luftfeuchtigkeit nässt T-Shirt-Achseln. 170 Stühle hat das Kolping-Haus Düsseldorf zur Verfügung gestellt. Sie reichen nicht aus, draußen vor dem Saal sitzen weitere 50 Leute und verfolgen die Live-Übertragung.

Das Bild ist ein Albtraum. Ein Albtraum für Merkel, Steinmeier, Westerwelle und Co. Für die Etablierten. Die dachten, da käme keiner mehr, der von Interesse wäre. Denn dies ist der Landesparteitag, pardon: die Mitgliederversammlung, der Piratenpartei Nordrhein-Westfalen. In anderen Bundesländern sieht es nicht anders aus: Wird da eine Winz-Gruppierung zur ernstzunehmenden Partei? Oder bläht sich das politische Äquivalent zur Dotcom-Blase auf?

0,9 Prozent der Stimmen errang die Piratenpartei bei der Europawahl. Weniger als die Republikaner. Weniger als die Tierschutzpartei. Weniger als die Familienpartei. Und doch reden und schreiben die Medien viel über die Piraten. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" widmete der Partei in der jüngsten Ausgabe gleich mehrfach ihren Platz.

Und den großen Parteien ist sie, im Gegensatz zur Tierschutz- oder Familienpartei, Erwähnungen wert. Erwähnungen mit bemerkenswert aggressiver Wortwahl. "Jede Stimme für die Piraten ist eine Stimme für den Gulli", giftet Guido Westerwelle. "Ich finde die Piratenpartei intolerant", tönt SPD-Frakations-Geschäftsführer Thomas Oppermann. Und CDU-Präsidiumsmitglied Philip Mißfelder erklärt den Gegner zur "Witzpartei".

Wer aggressiv ist, der ist es entweder von Haus aus, oder er fühlt sich angegriffen - und hat Angst. Im windelweichen, themenbefreiten Wahlkampf 2009 liegt die Option zwei nahe. Die angestammten Volksvertreter spüren: Da passiert etwas. Etwas, was ihnen langfristig gefährlich werden könnte. In einzelnen Wahlbezirken errang die Piratenpartei zweistellige Prozentzahlen, in Aachen und Münster sitzt sie mit je einem Vertreter in den Stadtparlamenten. Das riecht nach 1979, als strickende Umweltaktivisten über drei Prozent bei der Europawahl holten - vier Jahre später waren die Grünen im Bundestag.

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