Bundestagswahl
Grüne: Zugelegt, aber dennoch nur fünfte Kraft

„Das ist bitter“, sagt Claudia Roth, reißt ihre großen Augen noch ein wenig mehr auf als sonst und sagt es noch mal: „Das ist bitter.“ Die Grünen haben keines ihrer Wahlziele erreicht.

BERLIN. Die Grünen müssen weitere vier Jahre in die Opposition, sie sind nicht dritte, sondern erneut nur fünfte Kraft geworden. „Wir haben grandios gewonnen, aber wir konnten nicht ausgleichen, was andere katastrophal verloren haben“, wettert Spitzenkandidat Jürgen Trittin. Doch an diesem Abend im alten Postbahnhof im Ostteil Berlins schaffen sie schnell die Wende. Umgehend richten sie sich in ihrer neuen, alten Rolle ein.

Sie trösten sich bei ökologischem „Lammsbräu Edelpils“ und biologischer „Now-Cola“ mit dem „besten Bundestagswahlergebnis, das die Grünen je hatten“, ruft Spitzenkandidatin Renate Künast von der Bühne. Sie haben nach den ersten Hochrechnungen rund zehneinhalb Prozent geholt. Das ist deutlich weniger als in den letzten Umfragen – aber fast zwei Punkte mehr als das bisher beste Ergebnis aus dem Jahr 2002. Das sei umso bemerkenswerter, als „in der letzten Zeit nur noch darüber geredet wurde, dass es auf Grün nicht ankommt, dass es nur die Frage ist, ob es Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot wird“, meint Künast. Zudem habe das Ergebnis schließlich auch gezeigt: „Selbst in Zeiten der Krise, in der die Leute vor allem an ihren Arbeitsplatz denken, haben die Grünen was zu bieten.“

Sie trösten sich mit den Ergebnissen in den Ländern: In Brandenburg hat die Ökopartei den Einzug in den Landtag geschafft. „Nach Sachsen und Thüringen ist das der Durchbruch auch in Ostdeutschland“, jubelt Parteichefin Roth. Auch die Ergebnisse aus Schleswig-Holstein, wo die Grünen ihr Ergebnis fast verdoppeln konnten, werden im renovierten Backsteingotikbau freudig bejubelt.

Nun nehmen sie die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im nächsten Frühjahr ins Visier: Den CDU-Ministerpräsidenten am Rhein, Jürgen Rüttgers, wollen sie „aus dem Amt jagen“, befeuert der zweite Spitzenkandidat Jürgen Trittin die Oppositionsträume.

Und im Bund gilt: „Opposition ist bei uns immer Regierung im Wartestand“, gibt Parteichef Cem Özdemir die Richtung vor. In der abgelaufenen Legislatur hatten die Grünen lange gebraucht, sich von der Regierungsrolle zu entwöhnen, und entwickelten nur sehr zögerlich echten Oppositionsbiss. Das soll nun anders werden, nun wollen sie „knallgrüne Opposition“ machen, verspricht Roth. „Anders als die SPD finden die Grünen nicht, dass Opposition Mist ist“, muntert sie die mehreren Hundert Grünen-Anhänger in der sanft grün ausgeleuchteten Halle auf. „Wir werden die Schwarzen und Gelben, die Radioaktiven, vor uns hertreiben“, verspricht Jürgen Trittin.

Schon deutet sich eine neue Lager-Ära an: Man werde „alles dafür tun, dass es keinen Rückfall in die 80er-Jahre gibt“, ruft Parteichef Cem Özdemir, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ob er in Stuttgart das Direktmandat holen konnte. Das kann man auch anders interpretieren: Die Grünen sind froh, dass sie es endlich wieder mit einem echten Gegner zu tun haben werden, dass es mit der christlich-liberalen Bundesregierung wieder einen ideologischen Graben geben wird. Es ist kein Zufall, dass alle Spitzengrünen an diesem Abend einen harten Kampf gegen Laufzeitverlängerung und Neubau von Atomkraftwerken ankündigen, „im Parlament und auf der Straße“.

Doch fürs Erste freuen sie sich auch an kleinen Dingen: zum Beispiel am Einbruch der CSU in Bayern, woher auch die grüne Parteichefin stammt. Claudia Roth findet die Verluste der Christsozialen pfundig: „Es gibt die göttliche Gerechtigkeit.“

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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