Bundestagswahl
Liberale brüsten sich als „Merkel-Retter“

Das Hoffen und Bangen der letzten Wochen und Monate, der Zustand zwischen Euphorie und Absturz, das alles endet kurz nach 18 Uhr. Die gelbe Säule bleibt für die FDP bei nie dagewesenen 14,5 Prozent in der Wahlprognose stehen. Die Liberalen liegen sich in den Armen.

BERLIN. Die „Römischen Höfe“ am Berliner Prachtboulevard „Unter den Linden“, in der die liberale Wahlparty stattfindet, verwandeln sich in Bruchteilen einer Sekunde in eine „Insel der Glückseeligkeit“. 48 Prozent zusammen mit der Union, eine komfortable Mehrheit. Ohne Überhangmandate. „Opposition war Mist“ schallt es durch die Hallen. Der unbeschreibliche Jubel will schier nicht enden. Bei dem einen oder anderen sind nach elf Jahren harter Oppositionsbank eine paar Freudentränchen zu sehen.

Parteivize Cornelia Pieper ruft: „Das macht mich überglücklich“. Die bayerische FDP-Vorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist begeistert über das Abschneiden der Liberalen, vor allen in Bayern. „Ich finde es sensationell, dass sich die FDP in Bayern so etabliert hat“, teilt Leutheusser-Schnarrenberger gegen die CSU aus, mit der sich die Liberalen seit Wochen bekriegen und die ein Fiasko erlebt hat. „Wir haben den höchsten Zuwachs aller Parteien.

„Damit ist ein hohes Maß von Verantwortung verbunden“, sagt Parteivize Rainer Brüderle. Es gehe darum, möglichst viel von dem umzusetzen, was die Wähler unterstützt hätten. „Das wird man dann anpacken müssen in einem offenen Dialog mit einer ehrlichen Eröffnungsbilanz“, gibt er schon mal die Marschrichtung beim obligatorischen Kassensturz in den Koalitionsverhandlungen mit der Union vor.

Es dauert über ein Stunde, bis Parteichef Guido Westerwelle vor den 2000 Anhängern in den „Römischen Höfen“ steht. Mit Bundeskanzlerin und seiner Duz-Freundin Angela Merkel hat er bereits kurz nach der Prognose telefoniert. Am Montag soll es bereits erste konkrete Gespräche über die künftige Regierungskoalition geben. Westerwelle strahlt, eine riesige Last scheint von seinen Schultern gefallen zu sein.

„Merkel-Retter“ rufen einige Parteifreunde Westerwelle zu, der mit dem fulminanten Ergebnis Merkel eine wirklich harte parteiinterne Personaldebatte in den nächsten Tagen erspart. Denn die Union kann den ganzen Wahlabend sagen, Schwarz-Gelb wurde doch erreicht. Also alles richtig gemacht. Einige Parteivordere wollten ihn noch Stunden vor dem Sonderparteitag in Potsdam am vergangenen Sonntag dazu überreden, sich nicht zu eng an die Union zu ketten. Westerwelle blieb hart. Für ihn ging es zwar um Alles oder Nichts. Trotzdem wollte er auf den letzten Metern vor dem Wahltag von der Union noch Stimmen zu sich ins gelbe Lager ziehen, aber auch mit Schwarz-Gelb gewinnen. Eine risikoreiche Strategie. Aber an diesem Abend heißt es bei den Siegern nur: Es hat geklappt. Die Zweifler, eine Mehrheit für Union und FDP in einem Fünf-Parteiensystem könne es nicht mehr geben, straft er Lügen.

Doch der FDP-Chef dämpft die Euphorie. Wissend oder jedenfalls bereits ahnend, welche schwierigen Aufgaben vor allem in der Wirtschafts- und Finanzpolitik auf seine Partei in den nächsten Jahren zu kommen werden. Elf Jahre Opposition haben ihre Spuren hinterlassen, personell wie inhaltlich. Westerwelle bedankt sich für das Wahlergebnis. Dann stellt er fest: „Dieses Ergebnis bedeutet vor allem Verantwortung“. Die Liberalen blieben auf dem Teppich. „Wir heben nicht ab. Es geht um Deutschland“, gibt sich Westerwelle im Moment des Wahlsiegs bescheiden. In Koalitionsverhandlungen werde es um eine Steuerreform, bessere Bildung und den Schutz von Bürgerrechten gehen, gibt der wohl künftige Außenminister schon mal sein Regierungsprogramm bekannt.

Über Ministerposten will am späten Abend keiner reden: „Zuerst kommt das Land, dann geht es um Posten“, sagt Parteivize Brüderle die übliche Floskel, der als Wirtschaftsminister im Gespräch ist. Gleich lautend äußern sich Hermann Otto Solms und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Ob die FDP das Finanz- oder Justizministerium beanspruche, stehe an diesem Abend nicht zur Debatte, heiß es. Doch hinter den Kulissen hört man bereits: Unter vier Ministerposten geht es nicht. Vor allem nachdem die CSU so schwach abgeschnitten hat.

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