Bundestagswahl
Merkel zittert sich zur Kanzlerschaft

Ein schlechtes Ergebnis eingefahren und doch gewonnen: Dank einer starken FDP kann Angela Merkel Kanzlerin bleiben und zusammen mit der FDP wie gewünscht eine schwarz-gelbe Regierung bilden. Im Adenauer-Haus ließ sich Merkel bejubeln - während CSU-Chef Seehofer zerknirscht eine Watschn für seine Partei eingestehen muss.

BERLIN. Angela Merkel lässt alle warten. Frank-Walter Steinmeier darf seine Niederlage eingestehen, eine krachende Niederlage. Horst Seehofer, den Rivalen von der Schwesterpartei CSU in Bayern, lässt sie zerknirscht eines der schlechtesten Ergebnisse kommentieren, das die Christsozialen in Bayern jemals ereilt hat. Dann schalten die großen Monitore im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses auf schwarz. Alle Blicke richten sich auf die Bühne. In rotem Blazer und schwarzer Hose betritt Merkel die Bühne. Ist das noch einmal eine Anspielung an schwarz-rot, an die große Koalition? "Sie sind glücklich?", fragt Merkel in die Menschenmenge hinein. "Ich bin es auch."

Respektiert ist sie in der CDU, geliebt nur selten. Doch jetzt will der Applaus für Angela Merkel nicht enden. Ronald Pofalla, ihr oft kritisierter Generalsekretär, will ihr einen Strauß mit Herbstblumen in die Hand drücken. Sie nimmt die Blumen kurz, und busselt Pofalla auf beide Wangen. Schnell drückt sie ihm den Strauß wieder in die Hand. Und nimmt ihre gewohnte Pose ein, die Handspitzen vor dem Körper zusammengestellt. So steht sie im Sturm der Kritik, so steht sie im Orkan der Begeisterung. "Angie"-Rufe hallen durch das sieben Stockwerke hohe Foyer. Die Claqueure von Merkels Unterstützerteam schreien, sie haben orange T-Shirts über ihre Klamotten gezogen. In den höheren Etagen klatschen Frauen in Abendkleidern und Herren in dunklem Tuch. "Ich bin und will die Bundeskanzlerin aller Deutschen sein", sagt Merkel.

Die Kanzlerin strahlt. Natürlich strahlt sie. "Ich sage das selten. Aber heute bin ich glücklich", sagt sie später im Fernsehen. Sie kann eine Regierung mit der FDP bilden. Jetzt endlich hat sie das Bündnis, für das sie vor vier Jahren vergeblich angetreten war. Sicher, die Union hat von niedrigem Niveau noch einmal leicht verloren, es ist erneut das zweitschlechteste Ergebnis in ihrer Parteiengeschichte. Es ist die starke, diese überstarke FDP, die schwarz-gelb eine hauchzarte Mehrheit sichert - und nebenbei die CSU im künftigen Bündnis marginalisiert.

Für Merkel ist es ein wichtiger Sieg, weil sie den Wunsch ihrer Partei erfüllen kann und künftig ohne die Sozialdemokraten regieren wird. Es ist auch deshalb ein guter Sieg, weil es auf die umstrittenen Überhangmandate nicht ankommt: sie verstärken die Mehrheit, sie begründen sie aber nicht. Es ist aber auch ein Sieg mit einem dicken Schönheitsfehler, über den heute noch keiner so richtig sprechen mag. Weil die Union zum wiederholten Male weit hinter den "40-Prozent-plus-X" zurück bleibt, die noch immer als Zielmarge gelten. Angela Merkel und ihre Union haben sich zum Sieg gezittert, die FDP hat ihn ermöglicht.

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