Bundestagswahl
Nachwuchs für die Politik von morgen

Am 27. September wird vermutlich eine ganze Reihe junger Politiker neu in den Bundestag einziehen. Sie wollen Politik verändern, doch als Revolutionär empfindet sich kaum einer. Sie sind pragmatisch, doch gleichzeitig voller Ideale. Deutschlands neue Polit-Elite, Handelsblatt.com hat sie in Berlin getroffen.
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BERLIN. Wenn man Björn Böhning fragt, was ihn an der Politik am meisten stört, muss der SPD-Kandidat im Berliner Wahlbezirk Kreuzberg-Friedrichshain-Prenzlauer Berg nicht lange überlegen. „Ich habe genug von den Phrasen der Politiker. Die Wähler vertragen klare Ansagen.“ Böhning, 31 Jahre alt und ehemaliger Bundesvorsitzender der Jusos, tritt Ende September das erste Mal für ein Mandat im Bundestag an. Sein Motto ist einfach, klingt fast schon banal: Auch mal Fehler eingestehen und sagen, wenn man etwas nicht weiß. Daneben eine inhaltliche Auseinandersetzung statt ideologischer Grabenkämpfe.

So wie Björn Böhning sehen auch andere Neulinge in der Bundespolitik ihre Rolle. Sie wollen wieder um Inhalte streiten, statt persönliche Eitelkeiten medienwirksam zur Schau zu stellen. Mit ihnen soll Politik auch wieder ein Stück pragmatischer werden. Langweilig, mokiert sich die ältere Politikergeneration, zwingend notwendig, um Politik wieder glaubwürdig für den Wähler zu machen, sagen die Jungen.

Die Deutsche Politik steht vor großen Veränderungen. Die 68er Generation tritt langsam ab und an ihre Stelle rücken Nachwuchskräfte, die pragmatische Politik betreiben wollen und gleichzeitig doch voller Ideale stecken. „Ich habe mich immer gefragt, wie man das Leben in einer Gesellschaft verbessern kann“, sagt Johannes Vogel, seit 2005 Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen und das erste Mal als Kandidat bei einer Bundestagswahl dabei. Vogel hat durch den JuLi-Vorsitz zwar schon einige bundespolitische Erfahrungen gesammelt, doch ein Bundestagswahlkampf ist auch für ihn neu und aufregend.



Wenn von einer politisch desinteressierten Jugend gesprochen wird, Böhning und Vogel gehören nicht dazu. Beide stammen aus Elternhäusern, in denen viel über Politik diskutiert wurde. Beide haben ein ausgeprägtes Interesse daran, ihre Wertvorstellungen und Ideale in konkretes politisches Handeln umzusetzen.

Benjamin Raschke war zunächst überhaupt nicht politisch, wie er selbst sagt. Aber diskussionsfreudig und veränderungswillig. Der 26-Jährige, der für die Grünen in den Bundestag einziehen will, stammt aus Schönwalde nahe Berlin. Eine ausgeprägte politische Kultur habe es dort nicht gegeben, erinnert sich Raschke. Politisch wurde er erst während seines Politikstudiums in Konstanz, wo er „auf ähnlich verrückte Leute“ traf. In der Grünen-Hochschulgruppe fand Raschke sein politisches Zuhause und einen Weg, seine Ideen zu kanalisieren. Zurück in der brandenburgischen Heimat stürzte er sich in die politische Arbeit und kam schnell voran. Er koordinierte die Klimakampagne des Bundesverbandes und schrieb am Wahlprogramm für die ebenfalls am 27. September stattfindende Landtagswahl in Brandenburg mit. „Mich fasziniert, wie die verschiedenen politischen Ebenen ineinander greifen.“ Der Bundestag erscheint Raschke da als logische nächste Etappe. „Ich möchte dort mitgestalten, wo in Deutschland maßgeblich entschieden wird.“

Vor dem Einzug in den Bundestag steht jedoch der Wahlkampf, den sich so mancher Neuling nicht so anstrengend vorgestellt hat. Neben dem normalen Beruf werden fleißig Veranstaltungen besucht, Pressereisen durch die Republik absolviert und virtuell um Unterstützung geworben. Christian Burholt, CDU-Kandidat in Berlin-Mitte kämpfte bereits 2005 im Wahlkampf für den stellvertretenden Kreisvorsitzenden der CDU in Berlin-Mitte, Volker Liepelt, doch der eigene Wahlkampf sei etwas ganz anderes. „Plötzlich steht man selbst im Mittelpunkt“, sagt der 36-Jährige. „Auf einmal schauen alle darauf, was man sagt, tut oder anzieht.“

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