Bundestagswahl
Parteien taktieren mit Erst- und Zweitstimmen

Es ist eine Strategie, die den Parteibossen nicht in den Kram passt: Manche Kreisverbände sprechen sich mit anderen Parteien ab. Sie fordern die Bürger zum taktischen Wählen auf, sie werben gegenseitig füreinander – und schwächen damit Kanzlerin Merkel und SPD-Kandidat Steinmeier.

BERLIN. Die Schaumburger Politiker Christopher Wuttke (CDU) und Heiner Schülke (FDP) verbindet ein gemeinsames Ziel: Sie streben in den Bundestag. Ihr Problem: Im Wahlkreis 41 gewinnt seit langem der jeweilige Kandidat der Sozialdemokraten. Also schmiedeten CDU und Liberale einen Pakt.

In einer gemeinsamen Erklärung baten die Kreisverbände die Wähler, „am 27. September ihr Stimmverhalten bei den Erst- und Zweitstimmen so zu wählen, dass beide Kandidaten in den kommenden Bundestag einziehen können.“ Erststimme CDU, Zweitstimme FDP, so der Plan, mit dem Wuttke es direkt in den Bundestag schaffen sollte und Schülke über die Landesliste. Nur wenig später intervenierte der Landesverband. „Wir kämpfen für eine starke CDU, bei Erst- und Zweitstimme“, sagte David McAllister, CDU-Landeschef Niedersachsen dem Handelsblatt.

Zweitstimme ist Kanzlerstimme. Doch kurz vor dem Wahltag rechnen die Bundestagskandidaten genau, ob sie es über die Landesliste nach Berlin schaffen, oder doch verstärkt um Erststimmen für ihr Direktmandat kämpfen müssen – im Zweifel gegen den eigenen Kanzlerkandidaten. Für den Wähler hat die Sache ohnehin einen Haken: Wer seine Stimmen aufteilt, erhöht zwar die Chance auf Überhangmandate. Diese entstehen, wenn eine Partei mehr Direktmandate holt, als ihr Sitze nach den Zweitstimmen zusteht. Weniger Zweitstimmen bedeuten aber auch weniger Unterstützung für den Spitzenkandidaten – und das ist schlecht für Merkel.

Oder für Steinmeier. Denn auch SPD-Kandidaten taktieren. In Flensburg hatte der SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg zum Stimmensplitting aufgerufen – Zweitstimme zugunsten der Grünen. Kurz darauf korrigierte er sich: Es liege ihm fern, SPD-Wähler davon abzuhalten, Frank-Walter Steinmeier ihre Stimme zu geben.

Für weitere Verwirrung sorgt bei der Wahl das sich etablierende Fünf-Parteiensystem. Große Koalition, Ampel, Jamaika, Rot-Rot-Grün – je weniger Zweitstimmen die Volksparteien erhalten, desto mehr Möglichkeiten sind denkbar. Zuletzt zeigten sich dies nach den Landtagswahlen in Thüringen und im Saarland.

Die FDP zumindest setzt voll auf die Union und ruft weiter zur taktischen Wahl auf. Am Dienstag warb der Kandidat im Rheinisch-Bergischen Kreis dafür, der CDU die Erststimme zu geben. Der FDP-Mann ist kein geringerer als Christian Lindner, Generalsekretär in NRW. „Die Leute sollten mit der Erststimme für Bosbach und einer Zweitstimme für mich Schwarz-Gelb sichern“, sagt er. CDU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach freut sich.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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