Bundestagswahl
Politwerber geraten unter Zeitdruck

Gut drei Monate vor der geplanten Bundestagswahl stehen nicht nur die Parteien unter Zeitdruck, sondern auch ihre Werbeagenturen. Nach außen üben sich die Beteiligten zwar noch in Zurückhaltung, schließlich will niemand den offiziellen Schritten - der Vertrauensfrage des Kanzlers und der Auflösung des Bundestages - vorgreifen. Doch wenn Anfang August die heiße Wahlkampfphase eingeläutet werden soll, müssen spätestens Mitte Juli die zentralen Themen und Werbemotive stehen. Die Zeit drängt also.

HB DÜSSELDORF/FRANKFURT."Es wird ein Kraftakt", sagt Frank Stauss, Kreativchef der Werbeagentur Butter, mit Blick auf die kurze Vorbereitungszeit. Die Düsseldorfer Firma, die bereits im Frühjahr in Nordrhein-Westfalen für die SPD geworben hatte, bekam auch den Zuschlag für den Bundestagswahlkampf - gemeinsam mit der Onlineagentur Face2net, die seit fünf Jahren für den Parteivorstand arbeitet, und der Eventagentur Compact Team, die schon 1998 und 2002 für die SPD Wahlkampfveranstaltungen organisiert hatte. Butter habe sein Team wegen des verkürzten Wahlkampfes "drastisch aufgestockt", so Stauss. Man müsse nun viele Aufgaben wie das Layout von Broschüren oder die Gestaltung von Plakaten parallel erledigen, für die sonst viel mehr Zeit eingeplant sei.

Unterdessen arbeiten die Parteien an ihren Programmen: Anfang Juli will die SPD ihr Wahlmanifest verabschieden, die CDU/CSU präsentiert ihr Programm am 11. Juli. Ungefähr dann könnte Bundespräsident Horst Köhler den Bundestag aufgelöst haben. Danach will man in die Offensive gehen. "Die Vorbereitungen laufen", heißt es aus der CDU, die die Federführung ihrer Kampagne der Agentur McCann-Erickson übertragen hat. Auch wenn sich die Partei über Themen und Strategie noch bedeckt hält - Wirtschaft und Arbeit werden wohl im Mittelpunkt stehen. Daneben gilt es, Kanzlerkandidatin Angela Merkel ins rechte Licht zu rücken. Dennoch solle es kein Personality-Duell Merkel gegen Schröder geben, sondern einen Themenwahlkampf, heißt es in der CDU.

Das kündigt auch Agenturchef Coordt von Mannstein für die FDP an: Auch wenn eine politische Marke immer auch eine Menschenmarke sei - bei der FDP werde trotzdem "der Themenwahlkampf im Vordergrund stehen, aber festgemacht an Parteichef Guido Westerwelle". Durch die NRW-Wahl sei die Programmatik bereits weitestgehend klar, meint der FDP-Werber.

Die Liberalen setzen mit der Agentur von Mannstein auf erfahrene Politwerber: Über Jahrzehnte inszenierte sie den Wahlkampf für Altkanzler Helmut Kohl (CDU) - bis zu dessen Niederlage. Schon im Europawahlkampf und in NRW arbeiteten die Solinger dann für die FDP. Von Mannstein gibt sich denn auch eher gelassen: "Für eine Agentur wie unsere, die politische Kommunikation als immerwährendes Ereignis begreift, ist die Vorbereitungszeit nicht zu kurz", sagt er. Der Druck sei pure Motivation und zwinge zur Präzision. Nur zwei Tage nach der NRW-Wahl hatte er den Auftrag, für die FDP den Bundestagswahlkampf zu machen, in der Tasche.

Dabei hatten die Parteien ursprünglich noch eine Wettbewerbsrunde einläuten wollen. So auch die SPD: 1998 und 2002 waren die Sozialdemokraten mit der Hamburger Agentur KNSK ins Rennen gegangen. Für die Agentursuche blieb nach der überraschenden Ankündigung des Kanzlers im Mai jedoch keine Zeit. Mit Butter greift die SPD aber auf ebenso wahlkampferprobte Werber zurück. Stauss testet derzeit mit seinen Mitarbeitern, von denen einige übergangsweise in die Wahlkampfzentrale, das Willy-Brandt-Haus, gezogen sind, "verschiedene Ausgangsszenarien". Derzeit könne keiner wissen, welche Themen Anfang September im Mittelpunkt stünden. "Die grundsätzlichen Inhalte - soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Stärke - sind klar", sagt Stauss. Wie diese konkret zugespitzt würden, könne er noch nicht sagen. Das ist auch bei Bündnis 90/Die Grünen noch offen, die laut einer Sprecherin unter anderem das Motto "Mit grüner Politik schafft man Arbeitplätze" weiterdeklinieren wollen. Betreut wird die Partei von der Agentur "Zum Goldenen Hirschen".

Die Politwerbeprofis scheinen sich einig zu sein: Auch wenn die Parteien alle Register der Werbung wie Fernsehspots oder Werbebriefe ziehen werden - laut Agenturchef von Mannstein werden gerade in einem solch kurzen Wahlkampf Plakate die größte Rolle spielen. Das freut den Bochumer Plakatwerber Hans Bernd Wesselmann, der Anfang August für alle Parteien insgesamt rund 25 000 Plakate aufstellen darf - noch ein logistischer Kraftakt.

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