Bundestagswahl: Wenn Grünen-Oldie auf SPD-Hoffnung trifft

Bundestagswahl
Wenn Grünen-Oldie auf SPD-Hoffnung trifft

Der Wahlkreis 84 im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain ist der einzige, den ein Politiker der Grünen als Direktkandidat errungen hat: Hans-Christian Ströbele hat das sogar schon zwei Mal geschafft. Und obwohl er schon 70 Jahre alt ist, will er es jetzt noch ein drittes Mal schaffen. Doch diesmal hat er starke Konkurrenz.

BERLIN. Der Außenminister kommt 56 Minuten zu spät. Die Kamerateams und Fotografen sind genervt, SPD-Bundestagskandidat Björn Böhning ist unruhig. In Jeans, weißem Hemd und leicht zerknittertem Sakko geht er auf und ab, schaut die Straße hinunter. Schließlich war er es, der den Kanzlerkandidaten seiner Partei hierher eingeladen hat, an die East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain, in seinen Wahlkreis. Auf über einem Kilometer zieht sich hier das längste erhaltene Stück Mauer hin. Pünktlich zum Jubiläum werden nun die Steine von einem Künstlerkollektiv neu bemalt. Eine Attraktion für Touristen - und eine farbenfrohe Kulisse für Politiker.

Schließlich fährt der Wagen von Frank-Walter Steinmeier vor. Ein kurzer Handschlag für den Parteifreund - und schon schiebt sich der Minister durch die Menge. Er lacht, schüttelt Hände, klopft auf Schultern von Menschen, die Pinsel in den Händen und Farbkleckse auf den Hemden haben. Böhning versucht, ihm dicht auf den Fersen zu bleiben; immer wieder muss er sich selbst durch die Menge der Fotografen drängen, um mit aufs Foto zu kommen. Auf eines dieser Fotos, die mit etwas Glück am nächsten Tag in der Lokalpresse erscheinen und unter denen dann vielleicht auch sein Name steht. Doch keiner beachtet ihn, auch der Kanzlerkandidat nicht. Nach einer knappen halben Stunde winkt der noch mal in die Runde und verschwindet in seinem Wagen. Böhning steht etwas verloren am Straßenrand und sieht der Staatskarosse nach. Es ist Wahlkampf im Bezirk 84.

Ein paar Tage später in der Kreuzberger Kneipe "Too Dark". Gleicher Wahlkreis, anderer Kandidat. Hans-Christian Ströbele sitzt mit zwei Dutzend Kreuzbergern im Keller, während draußen die Gäste in der Abendsonne ihr Bier trinken. An den Wänden hängen Werbeplakate für französischen Cognac und Champagner, die Kellnerin trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "LokalPatriotin". Zur Diskussion hat die Stadtteilzeitung "Kiez und Kneipe" geladen. Es ist ein Heimspiel für den grünen Parlamentarier: "Aber sag mal", ruft ihm einer der Gäste zu, "ein grüner Innenminister Ströbele wäre doch much geiler als so ein Schäuble." Da kann selbst der Politiker nicht widersprechen, obwohl er eben noch erklärt hat, dass sein Vorteil immer gewesen sei, nichts werden zu wollen - "nicht Staatssekretär, nicht Minister, nicht Bundeskanzler". Nur Abgeordneter, das will er bleiben.

"Ich will da weiter mitmachen"

Auch in der Vergangenheit hatte Ströbele nie ein Regierungsamt, und dennoch gehört er zur deutschen Politprominenz. Man kennt ihn als Mitbegründer der Grünen, aber auch schon als Anwalt von Andreas Baader & Co. Jetzt ist er 70, und natürlich hat er sich überlegt, ob es nicht langsam mal an der Zeit sei, sich zur Ruhe zu setzen. "Aber wenn ich mir vorstelle, wie ich zu Hause sitze und das alles nur beobachte, ohne mich einzumischen. Nein, das hält mich nicht auf meinem Sofa." Für ihn ist klar: "Ich will da weiter mitmachen." Auch nach Afrika zu gehen, sich dort für eine Nichtregierungsorganisation einzusetzen, war eine Überlegung. Aber da, so fürchtet er, macht die Gesundheit dann vielleicht doch nicht mehr so mit. "Und am wirksamsten kann ich als Bundestagsabgeordneter sein."

Seit 1998 sitzt Ströbele im Bundestag, die letzten beiden Male schaffte er den Einzug als Direktkandidat des Wahlkreises 84, 2005 sogar mit einem gewaltigen Vorsprung: Auf 43 Prozent der Stimmen kam er und lag damit 23 Prozentpunkte vor dem Zweitplazierten, dem Kandidaten der SPD. Ströbele ist der einzige Grüne mit Direktmandat im Bundestag. Von "Wahlergebnissen, die sonst nur die CSU in Bayern kennt," spricht der Redakteur von "Kiez und Kneipe".

Für die "taz" ist es ausgemachte Sache, dass es auch dieses Mal wieder so laufen wird. Als "Staffage" für Ströbeles dritte Direktwahl bezeichnet sie das Aufgebot prominenter Mitbewerber. Neben Böhning sind dies die frühere DDR-Bürgerrechtlerin und Grüne Vera Lengsfeld (CDU) und die Vizechefin der Linken, Halina Wawzyniak. Sogar die ganz und gar chancenlose FDP hat ihren Landesvorsitzenden Markus Löning ins Rennen geschickt. Während die Frauen im Rennen auf körperbetonte Plakate setzen, hat sich Ströbele wieder einmal ein Poster von Comic-Zeichner Gerhard Seyfried zeichnen lassen und Böhning wirbt mit einem stilisierten Porträt, das mit etwas Phantasie an das berühmte Obama-Plakat erinnert.

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