Zum Bundestagswahl 2017 Special von Handelsblatt Online

AfD im Bundestagswahlkampf
Willkommen in der Wagenburg

Die AfD zeichnet das Bild eines Landes am Abgrund. Tatsächlich fühlen sich viele Menschen, die ihre Veranstaltungen besuchen, von Altersarmut und „Islamisierung“ bedroht. Die Wut auf „die da oben“ schweißt zusammen.
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BerlinWer in diesen Tagen Wahlkampf-Veranstaltungen der AfD besucht, trifft dort Menschen, die sehr wütend sind. Auf die Kanzlerin, die Grünen, die SPD, die Besserverdienenden, die Journalisten, die Gegendemonstranten und auf Zuwanderer, die kein Schweinefleisch essen. Die Wut bleibt nicht im Bauch.

„Merkel muss weg“ dröhnt es vielstimmig durch die Säle, in denen sich die Anhänger der Protestpartei versammeln. Stehen draußen vor der Halle Demonstranten mit „Nazis raus“-Plakaten und Trillerpfeifen, schweißt das die Menschen drinnen noch enger zusammen.

Das Spitzenpersonal der Partei balanciert während dieser Veranstaltungen auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite hilft diese Wagenburg-Mentalität den Kandidaten, die AfD-Mitglieder zu noch mehr Einsatz im Bundestagswahlkampf zu motivieren. Auf der anderen Seite erschwert es die Suche nach konservativen Wählern außerhalb der Kernanhängerschaft, wenn die AfD in der Öffentlichkeit wie eine verschworene Gemeinschaft von Schreihälsen wahrgenommen wird.

Spitzenkandidatin Alice Weidel präsentiert sich im Wahlkampf gerne als Frau der Fakten. In der Talkshow, im großen Saal oder im Hinterzimmer einer Gaststätte: Immer hat sie Zahlen und Fakten parat. Als Unternehmensberaterin weiß sie, wie man sachlich präsentiert und überzeugt. Doch auch ihr rutscht mal ein „alternativer Fakt“ durch.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Waiblingen bei Stuttgart spricht Weidel über Gewaltverbrechen, die von Zuwanderern verübt und ihrer Ansicht nach von der Justiz nicht ausreichend geahndet werden. Sie führt ein besonders abscheuliches Beispiel an: In Hamburg habe eine „Meute von Serben“ im vergangenen Jahr ein Mädchen vergewaltigt. Die Täter, sagt Weidel, hätten „einen Freispruch bekommen“. Die Empörung im Saal ist groß.

Doch Weidels Darstellung stimmt nicht ganz. Zwar kamen vier Jugendliche mit Bewährungsstrafen davon, weil sie sich reumütig zeigten. Doch einen 21-jährigen schickte der Richter für vier Jahre ins Gefängnis. Außerdem hat der Bundesgerichtshof im Juli entschieden, dass der Fall um die brutale Vergewaltigung erneut vor dem Hamburger Landgericht verhandelt werden muss.

In einem Speiselokal im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf rechnet der Berliner Abgeordnete Thorsten Weiß vor, wie viele Menschen seiner Meinung nach über den Familiennachzug demnächst nach Deutschland kommen könnten. Er sagt: „dann sind das noch einmal zwei Millionen Syrer“. „Pfui Deibel!“, ruft eine Frau mittleren Alters aus dem Publikum.

Dieser Rechnung würde die Bundesregierung vermutlich widersprechen. Im vergangenen Jahr hatte das Auswärtige Amt zum Familiennachzug für syrische und irakische Flüchtlinge rund 48 000 Visa erteilt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es etwa 30 000. Doch da die Verantwortlichen Zahlen und Prognosen zum Familiennachzug in den vergangenen Monaten meist nur zögerlich herausgegeben haben, kann die AfD hier Leerstellen besetzten.

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Willkommen in der Wagenburg

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Wahlkampf zwischen Volksfest und Empörung

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