Zum Bundestagswahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Bürgerdialog mit Gauland
Schreckensszenarien aus der AfD-Echokammer

Mit seinem Lob für deutsche Wehrmachtsoldaten löst Alexander Gauland einen Proteststurm aus. Seine Anhänger lässt das kalt. Bei einer Wahlveranstaltung in Berlin feiern sie den AfD-Spitzenkandidaten für seine Thesen.
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BerlinDie beiden sind aufgebracht. „Sie wollen Herrn Gauland in die rechte Ecke stecken“, erregt sich ein grauhaariger älterer Herr mit weit aufgerissen Augen, als er von einem holländischen Fernsehteam auf das Wehrmachts-Lob des AfD-Spitzenkandidaten angesprochen wird. Seine Begleitung, ebenfalls in die Jahre gekommen, sekundiert: „Wir haben genug deutsche Geschichte aufgearbeitet, jetzt reicht`s.“ Über Gaulands neue Provokation wollen sie nicht weiter reden. Sie lassen die Journalisten stehen. Denn kritische Töne sind an diesem Abend unerwünscht.

Der AfD-Bezirksverband Berlin-Zehlendorf hat zum Bürgerdialog ins Bezirksrathaus geladen. Mit Alexander Gauland als Top-Redner. Der 76-Jährige absolviert fast täglich Wahlkampfauftritte. Dazwischen kommentiert er die tagespolitische Lage, wenn seiner Partei mal wieder etwas mächtig gegen den Strich geht. Oder wenn er selbst mal wieder für Schlagzeilen sorgt. So wie heute. Den ganzen Tag über wird im politischen Berlin über ein Video mit einer Rede Gaulands vom 2. September diskutiert. Darin findet der Partei-Frontmann, die Deutschen dürften stolz sein auf „die Leistungen deutscher Soldaten“ im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig fordert Gauland, einen Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus zu ziehen.

Parteiübergreifend ist die Empörung groß. SPD und Grüne werten die Äußerungen als weiteren Beleg für rechtsextreme Tendenzen in der AfD. Beim AfD-Bürgerdialog ist davon nicht die Rede. Mit keinem Wort wird der neuerliche Ausfall Gaulands erwähnt. Nur das Fernsehteam aus Holland will dazu Reaktionen einfangen und wird brüsk abgewiesen. Das ältere Paar will sich den Abend aber nicht verderben lassen. „Ich freue mich auf Herrn Gauland“, sagt der Mann und betritt den Bürgersaal. Rund 250 Leute finden hier Platz. Und als Gauland dann da ist, ist auch fast jeder Stuhl besetzt.

Solche Bürgerdialoge veranstaltet die AfD überall in Deutschland. Kurz vor der Bundestagswahl scheint es für die Partei ein nützliches Veranstaltungsformat zu sein, um mit den Wählern ins Gespräch zu kommen. Doch ganz so simpel ist es nicht. Die AfD sucht sich schon selbst aus, wer zu solchen Bürgerdialogen kommen darf und wer nicht. Über das Internet kann man sich anmelden, wer eine Einladung erhält, wird hereingelassen. Andere werden abgewiesen. „Wir müssen schon aufpassen, wer kommt“, sagt der Türsteher vor dem Zehlendorfer Bürgersaal. „Wir haben ja eine Bedrohungslage“, schiebt er als Begründung hinterher. Die Bedrohung steht etwa 100 Meter weit weg – eine Gruppe von vielleicht 20 Leuten, die friedlich und mit lauter Musik gegen die AfD demonstriert.

Nach drinnen kommen nur die, die auf der Liste stehen. Einen Stock höher geht es dann Richtung Saal. Davor, im Foyer, hat die AfD Stehtische aufgestellt. Darauf Wahlkampf-Flyer und in AfD-Papier gehüllte Bonbons. Das Catering ist umsonst. Wasser, Apfelschorle, Brezeln. Die überwiegend älteren Leute greifen gerne zu. Noch ist Zeit. Gauland ist noch nicht da. Man kommt schnell ins Gespräch. Der Tenor ist immer derselbe. Manche Leute sind richtig wütend auf die da oben, auf die Merkel-Regierung, die macht, was sie will. Und sie setzen darauf, dass die AfD das alles ändert.

Für die AfD ist die Veranstaltung ein Heimspiel. Bei handverlesenem Publikum auch kein Wunder. Die „Bedrohungslage“ schweißt zusammen, man bleibt unter sich. Fast kommt man sich vor, wie in einem Echoraum. So wie in sozialen Netzwerken, wo Computer-Programme Nutzern oft nur Meinungen präsentieren, die ihren eigenen entsprechen. Beim Gauland-Event in Zehlendorf tritt dieser Effekt fast ständig ein.

Etwa als im Saal der AfD-Kreischef Gottfried Curio ans Mikrofon tritt. Er gibt an diesem Abend den Einpeitscher, bevor Gauland seine Rede hält. Curio ist Physiker und sitzt für die AfD im Berliner Abgeordnetenhaus. Er kandidiert hinter der Landesvorsitzenden Beatrix von Storch auf Listenplatz zwei und dürfte damit bei Umfragewerten zwischen 8 und 12 Prozent wohl sicher in den Bundestag einziehen. In seiner Ansprache malt er ein Schreckensszenario nach dem anderen. Und das ist ganz nach dem Geschmack der Zuhörer. Wenn er von einer „gefühlten Ent-Heimatung“ spricht, die die „linksgrüne“ Flüchtlingspolitik zu verantworten habe, erntet er laute Zustimmung. „Jawohl!“, rufen einzelne. Oder: „Bravo!“

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Schreckensszenarien aus der AfD-Echokammer

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„Sturzflug in den Staatsuntergang“

Kommentare zu " Bürgerdialog mit Gauland: Schreckensszenarien aus der AfD-Echokammer"

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  • Verglichen mit dem Vorbild aus Amerika ist Gaulands Auftritt ja noch relativ lahm. Er hat ja nur gesagt, dass man stolz sein kann auf die reifen Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen. Immerhin hat er nicht gesagt, dass Deutschland endlich wieder Kriege GEWINNEN muss.

    Genau betrachtet wirkt dieser Gauland auch nicht wie ein Gewinner-Typ. Der hat ja nichtmal ein Hochhaus, eine Ost-europäische Schickse oder einen Golfplatz. Big-Loser, so sad.

  • na ja, ganz ruhig war's nicht, zumindest nicht für die beiden, die man ab 3:20 im Video im Schwitzkasten aus dem Saal führt: https://www.youtube.com/watch?v=F2xHt6kdmQ0

  • Positiv erstaunt bin ich davon, dass Herr Neuerer eine Oppositionsveranstaltung besucht und sich wieder kommentieren lässt. Positiv ist auch, dass Herr Neuerer seine Beobachtungen wiedergibt ohne diese sofort mit eigenen Ansichten zuzudecken.

    Hochachtung!

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