Zum Bundestagswahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Bürgerdialog mit Gauland
Schreckensszenarien aus der AfD-Echokammer

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„Sturzflug in den Staatsuntergang“

Curio genießt es regelrecht, den Empörungshunger der Anwesenden mit seiner verbalen Achterbahnfahrt zu stillen. Jeder seiner Sätze klingt wie eine ausgefeilte Verschwörungstheorie. Etwa wenn der promovierte Wissenschaftler gegen Parallelgesellschaften wettert, die, so seine Theorie, schon bald in eine „Parallelherrschaft“ münden könnten. Dann aber, vollendet Curio sein Vision, folge unausweichlich ein „Sturzflug in den Staatsuntergang“. So weit will der Landtagsabgeordnete es aber nicht kommen lassen. Und verspricht, die AfD werde das zu verhindern wissen, wenn sie im Bundestag sitzt. Damit trifft er bei den Zuhörern ins Schwarze. Sie goutieren seine Ausführungen mit tosendem Beifall und „Bravo“-Rufen.

Damit ist der Boden stimmungsmäßig für Gauland bereitet. Mit dem für ihn typischen braunem Tweet-Sakko und grüner Hundekrawatte tritt er freundlich lächelnd ans Rednerpult. In teilweise ermüdenden Endlosschliefen führt er die Zuhörer dann über Politikfelder, die die AfD umpflügen will. Das Publikum hört gebannt zu. Dass Gauland nicht mit neuen Ideen aufwartet, stört nicht. Darum geht es auch nicht in der AfD-Echokammer namens Bürgersaal. Die Leute wollen Gauland sagen hören, was sie selbst denken und meinen. Und er tut ihnen den Gefallen.

Mehr als eine halbe Stunde lang spricht er fast nur über Flüchtlinge. Über die „Masseninvasion“, die die AfD stoppen wolle. Darüber, dass Deutschland nicht mehr der „Fußabtreter der Nationen“ sein dürfe. Er redet sich dabei aber nicht in Rage. Er bleibt ruhig, konzentriert. Manchmal wirkt sein Vortrag so, als würde man der Vorlesung eines altgedienten Hochschullehrers lauschen. Gaulands Stimme verliert sich dabei hin und wieder in den Weiten des Raumes. Fast möchte man einschlafen. Dann ertönen Rufe aus den hintersten Stuhlreihen, er solle doch lauter sprechen.

Und Gauland spricht lauter. Er spricht vor allem Vielen aus der Seele, wenn er etwa die osteuropäischen Länder für ihre klare Haltung gegen Flüchtlinge lobt und unterstreicht, dass auch die AfD keine multikulturelle Gesellschaft wolle. Jedenfalls, sagt er, wird es mit ihm keine Politik geben nach dem Motto: „Rein kommste immer, raus kommste nimmer.“ Denn die Folge wäre sonst: „Andere übernehmen diesen Staat und das deutsche Volk löst sich auf.“ Das aber wolle die AfD verhindern. Ein Versprechen, das ankommt. Die AfD-Fans im Saal reagieren mit lautstarkem Klatschen und „Bravo“-Rufen. Und so geht es immer weiter. Gauland trifft den Nerv des Publikums, auch wenn er nicht ganz so tief in die Verschwörungstheorien-Kiste greift wie sein Vorredner Curio.

Gauland versucht es mit einfachen Sätzen und einfachen Botschaften. Das reicht, um den Saal und die „lieben Freunde“, wie er das Publikum nennt, zum Beben zu bringen. Etwa wenn er schlichte Lösungen für den Flüchtlingszustrom skizziert. Klar würde er auch Migranten aus Afrika abweisen, sollten sie an der deutschen Grenze stehen, macht er ohne Umschweife deutlich. „Wer diesen Weg freiwillig geht, der kann den Weg auch wieder zurückgehen“, gibt er die Marschrichtung vor und erntet dafür ein fast schon geschrienes „Jawohl!“. Und so geht es weiter. Denn der AfD-Vize weiß, dass es vor allem die Flüchtlingsfragen sind, die den Leuten unter den Nägeln brennen. Da kommen ihm auch Zitate der politischen Konkurrenz ganz recht, wenn sie denn in seinen Kontext passen.

Gauland knöpft sich den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz vor, zitiert ihn mit dem Satz: „Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“ Und schiebt dann seine Version hinterher: „Wir brauchen eine Partei im Bundestag, die wirklich sagt, was wertvoller als Gold ist, nämlich das deutsche Volk.“ Dass Gauland den Schulz-Satz nicht vollständig zitiert, stört ihn nicht, stört auch andere nicht. Richtig lautet der Satz: „Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold. Es ist der Glaube an Europa.“

Das soll an diesem Abend aber nicht mehr das große Thema sein. Die Leute sind schon froh damit, dass Gauland ihrem Deutschland wieder mehr Geltung verschaffen will. Das ist auch ganz im Sinne des älteren Herrn, der zu Beginn der Veranstaltung Gauland in Schutz genommen hatte. Warum solle man heute die deutsche Geschichte auch nicht in einem anderen Licht sehen, gibt er dem AfD-Vize Rückendeckung. Viele Wehrmachtsoldaten seien doch gegen ihren Willen eingezogen worden.

Das sieht auch Gauland so. Am Rande der Veranstaltung diktiert er einer Mitarbeiterin der Nachrichtenagentur dpa in den Block, dass er bei seinem Wehrmachts-Lob bleibe. Denn Millionen deutscher Soldaten hätten ihre Pflicht getan für ein „verbrecherisches System“. Aber da sei das System Schuld und nicht „die Soldaten, die tapfer waren“.

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden, als Gauland den Bürgersaal verlässt. Begleitet von Personenschützern bahnt er sich den Weg zu seinem Auto. Ringsum stehen Polizisten, die zum Schutz der Veranstaltung angefordert wurden. „Ist ja gottseidank ruhig geblieben“, sagt ein Beamter. Und wünscht einen schönen Abend.

Nachtrag: Einen weniger schönen Abend hatte ein junges Paar. Zum Ende der mit Provokationen gespickten Rede von Gauland meldeten die beiden, kaum hörbar, Widerspruch an. Bullige AfD-Sicherheitseute bekam das mit und schritten ein. Die Frau und der Mann wurden recht grob aus dem Saal bugsiert. Vermutlich hätte an diesen Abend ein sehr lautes Husten gereicht, um ebenfalls in den Schwitzkasten der Gauland-Beschützer zu geraten. Auch das gehört zum Wahlkampf der AfD.

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Schreckensszenarien aus der AfD-Echokammer

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„Sturzflug in den Staatsuntergang“

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

Kommentare zu " Bürgerdialog mit Gauland: Schreckensszenarien aus der AfD-Echokammer"

Alle Kommentare

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  • Verglichen mit dem Vorbild aus Amerika ist Gaulands Auftritt ja noch relativ lahm. Er hat ja nur gesagt, dass man stolz sein kann auf die reifen Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen. Immerhin hat er nicht gesagt, dass Deutschland endlich wieder Kriege GEWINNEN muss.

    Genau betrachtet wirkt dieser Gauland auch nicht wie ein Gewinner-Typ. Der hat ja nichtmal ein Hochhaus, eine Ost-europäische Schickse oder einen Golfplatz. Big-Loser, so sad.

  • na ja, ganz ruhig war's nicht, zumindest nicht für die beiden, die man ab 3:20 im Video im Schwitzkasten aus dem Saal führt: https://www.youtube.com/watch?v=F2xHt6kdmQ0

  • Positiv erstaunt bin ich davon, dass Herr Neuerer eine Oppositionsveranstaltung besucht und sich wieder kommentieren lässt. Positiv ist auch, dass Herr Neuerer seine Beobachtungen wiedergibt ohne diese sofort mit eigenen Ansichten zuzudecken.

    Hochachtung!

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