Bundestagswahl Auf Ströbeles Spuren in Kreuzberg

Kreuzberg ohne Ströbele? Schwer vorstellbar. Notgedrungen setzen die Grünen bei der Bundestagswahl in ihrer Hochburg auf einen Generationenwechsel. Eine Anwältin soll es richten. Und setzt schon mal ein Ausrufezeichen.
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Nach der Wahl soll sie Hans-Christian Ströbele im Bundestag beerben. Quelle: Reuters
Canan Bayram

Nach der Wahl soll sie Hans-Christian Ströbele im Bundestag beerben.

(Foto: Reuters)

BerlinEs gibt so Tage, da ändern sich Dinge schlagartig. Für Canan Bayram war der 16. Juni so ein Tag. Beim Parteitag der Grünen knüpfte sich die Berliner Partei-Linke die beiden Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt vor. Eine Rentnerin habe ihr gesagt, das grüne Spitzenduo für die Bundestagswahl erinnere „weniger an Grüne als an Ortsverein-Vorsitzende der CDU“. Dann bekam auch noch Boris Palmer sein Fett weg, dessen Thesen zur Begrenzung der Zuwanderung polarisieren. Der möge doch „einfach mal die Fresse halten“, befand Bayram - und wurde plötzlich bundesweit bekannt.

„Das war gerechter Zorn“, sagt die 51-jährige Anwältin, die seit elf Jahren im Berliner Abgeordnetenhaus Landespolitik macht und erst über die SPD den Weg zu den Grünen fand. „Wenn ich etwas ungerecht finde, werde ich emotional. Aber ich muss ja auch nicht jedem gefallen.“

Damit liegt sie schon ganz auf der Linie der grünen Lichtgestalt Hans-Christian Ströbele (78), den sie am 24. September im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg beerben will. Eine echte Aufgabe: Es geht um nicht weniger, als das bundesweit einzige Direktmandat für die Grünen zu verteidigen. Ströbele holte es vier mal hintereinander.

Bayram spricht von einer „Ehre“. Als sie bei der Abgeordnetenhauswahl vor einem Jahr wieder in das Landesparlament einzog, sei der Bundestag für sie kein Thema gewesen. Sie bezeichnet sich als „sozial und empathisch“, als „Fan von Rot-Rot-Grün in Berlin“, handelte den Koalitionsvertrag mit aus, fungiert als Sprecherin ihrer Fraktion für Rechtspolitik sowie für Integration und Flüchtlinge.

Doch als Ströbele seinen altersbedingten Rückzug ankündigte, „da kam die Anfrage“, sagt sie. „Ich habe mit vielen darüber gesprochen, wie ich was beitragen kann. Und dann irgendwann gesagt: Das gehe ich an.“ Ob Mietenpolitik oder Bleiberecht für Flüchtlinge - auf vielen Themenfeldern seien die Möglichkeiten der Landespolitik begrenzt.

Mehr Parteien, mehr Kandidaten, neue Wahlkreise
Wer darf wählen?
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Wahlberechtigt sind 29,8 Millionen Männer und 31,7 Millionen Frauen – insgesamt 61,5 Millionen Menschen. Das sind rund 400.000 weniger als bei der Wahl 2013. Eine große Bedeutung haben erfahrungsgemäß die Älteren. Bereits 2013 stellten die Ab-60-Jährigen mit 21,3 Millionen gut ein Drittel aller potenziellen Wähler – es sind fast doppelt so viele wie die Unter-30-Jährigen. (Quelle: Deutsche Presse Agentur)

Wer darf wählen?
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Wie schon 2013 gibt es auch in diesem Jahr rund drei Millionen Erstwähler. Bundeswahlleiter Dieter Sarreither sagte bei der Vorstellung einer aktuellen Statistik am Dienstag in Berlin, die Parteien täten gut daran, die Erstwähler gezielt anzusprechen: „Man kann sie aktivieren.“ Die 30- bis 59-Jährigen wiederum stellten knapp die Hälfte der Wahlberechtigten. Für die Wahl im Herbst haben sich bisher rund 37.000 im Ausland lebende Deutsche in ein Wählerverzeichnis eingetragen - doppelt so viele wie 2013 zu diesem Zeitpunkt.

Welche Rolle spielen Wähler mit ausländischen Wurzeln?
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Zuletzt rückte der Aufruf des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, weder Union, SPD noch Grüne zu wählen, die Wähler mit ausländischen Wurzeln in den Blick. Wahlleiter Sarreither geht von rund 720.000 Wahlberechtigten mit türkischem Hintergrund aus.

Hat der Boykottaufruf Folgen?
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Laut einer Erhebung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration vom November haben die Türkischstämmigen eine recht stabile Bindung an die SPD (69,8 Prozent). Insgesamt hatten vor vier Jahren 5,8 Millionen Wahlberechtigte einen Migrationshintergrund. Als Partei ihrer Wahl nennen Zuwanderer laut dem Rat zu 40,1 Prozent die SPD, es folgen die Union (27,6), die Grünen (13,2) und die Linke (11,3).

Welche Parteien treten an?
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Es gibt einen Rekord von 42 Parteien — so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Sieben dieser Parteien wurden erst in diesem oder im vergangenen Jahr gegründet: Allianz Deutscher Demokraten, Bündnis Grundeinkommen, Demokratie in Bewegung, Die Grauen — Generationenpartei, Die Urbane — Eine Hiphop-Partei, Mieterpartei, V-Partei — Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer.

Welche Bewerber treten an?
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Insgesamt sind es 4828 Kandidaten — so viele wie seit 1998 nicht mehr. Wahlleiter Sarreither wertet das als klaren Hinweis gegen Politikverdrossenheit. Beruflich tätig sind mit 1757 die meisten in den Bereichen Unternehmensorganisation/Recht/Verwaltung, gefolgt von Gesundheit/Soziales/Lehre/Erziehung (683). 520 Bewerber verzeichnet der Wahlleiter unter dem Punkt Wiederkandidatur — sie kandidieren also erneut für den Bundestag. 348 Kandidaten sind Studenten, Azubis oder Schüler.

Wer ist der jüngste, wer der älteste Kandidat?
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Mit 1323 Bewerbern gehört ein Großteil der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen an. Der jüngste Bewerber wird nach eigenen Angaben erst einige Tage vor der Wahl 18: der in Berlin geborene Schüler Floris Beer, der für Die PARTEI in Fürstenwalde antritt. Die älteste Kandidatin ist die 89-jährige ehemalige Autorin und Schauspielerin Barbara Rütting, die für die V-Partei für Veränderung in Bayern antritt.

Bayram wird 1966 in Malatya im Osten der Türkei geboren und kommt mit sechs Jahren nach Deutschland. Der Vater Lehrer, die Mutter in der Fabrik, vier Geschwister. Kindheit und Jugend verlebt sie am Niederrhein, macht eine kaufmännische Lehre, holt in der Abendschule das Abitur nach. „Mir sind auch nichtakademische Kreise bekannt“, sagt sie. „Ich weiß, was arbeiten heißt, ich weiß, was Fleiß heißt.“

Nach Politik- und Jura-Studium arbeitet Bayram zunächst in mehreren Ministerien, ehe sie 2003 nach Berlin kommt und eine Anwaltskanzlei für Familien- und Ausländerrecht eröffnet. Sie lebt und arbeitet in Friedrichshain, nicht im benachbarten Multikulti-Hotspot Kreuzberg, wo der 68er und Ex-RAF-Anwalt Ströbele seine politischen Wurzeln hat.

„Ich wollte unbedingt in den Osten“, sagt sie. Seither kämpft sie gegen Mieterverdrängung und den Wandel ihres einst linksalternativ angehauchten Stadtteils zu einem von Akademikern und Touristen dominierten Kiez. Nun macht Bayram in beiden Stadtteilen Wahlkampf. Ihre größten Herausforderer dürften die Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe (SPD), die ebenfalls türkische Wurzeln hat und in Kreuzberg aufwuchs, sowie der Linke Pascal Meiser sein.

Auf die Migrantenkarte setzt Bayram nicht: „Das würde nur in Kreuzberg funktionieren.“ Sie will mit Themen überzeugen, plakatiert „Bayram wählen, SpekulantInnen quälen“. Am liebsten würde sie Immobilien- und Mietspekulanten enteignen. Zu radikal? „Als die ersten Leute Atomkraftwerke abschalten wollten, dachten auch alle, die sind verrückt.“

  • dpa
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  • Immer noch arm. Sexy eher eine Fragezeiche. Alex, Bahnhof Zoo, Tiergarten, Cotti Reichstag u.a. vielleicht?

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