Zum Bundestagswahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Die Sorgen der Deutschen
Weniger Angst vor der Flüchtlingskrise

Die Angst vor den Folgen der Zuwanderung ist noch da – doch die Deutschen sorgen sich wegen der Migration deutlich weniger als vor einem Jahr. Doch Terror und Armut beschäftigen die Bevölkerung wieder stärker.
  • 0

DüsseldorfDer GfK-Verein hat auch dieses Jahr wieder gefragt, wovor sich die Deutschen am meisten fürchten. Das Ergebnis: Die Angst darüber, wie die Bundesrepublik die Zuwanderung bewältigt, bleibt. Allerdings macht sich nur noch jeder Zweite um die Integration der Flüchtlinge Sorgen. Im vergangen Jahr hatten noch 83 Prozent der Menschen Angst vor Zuwanderung, dieses Jahr waren es nur 53 Prozent. In der Studie „Challenges of Nations 2017“ wurden vergangenes Frühjahr 27.500 Menschen aus 24 Ländern zu ihren Ängsten befragt.

„Seitdem die Balkan-Route geschlossen wurde und das EU-Türkei-Abkommen gilt, kommen weniger Flüchtlinge“, sagt Raimund Wildner, Geschäftsführer des GfK-Vereins. Das beruhige die Deutschen. Doch nicht nur die sinkende Migrantenzahl ist ein Grund.

Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Uni Osnabrück sagt, die Bevölkerung sorge sich weniger, weil Politiker das Thema Migration an den Rand drängten. So entstehe der Eindruck, das Thema sei weniger relevant. „Diese Ausblendung ist aber gefährlich. Langfristig hilft es populistischen Parteien, Ängste in der Bevölkerung zu schüren“, so Oltmer. Eine dauerhafte gesellschaftliche Diskussion mit unterschiedlichen Experten wäre besser, damit Deutsche das Gefühl bekämen, die Flüchtlingssituation in den Griff zu bekommen.

Neben der Flüchtlingsproblematik ist 2017 allerdings ein ganz anderes Thema in den Fokus der Deutschen gerückt. Seit Anschläge auf deutsche Städte verübt werden, rangiert der Terrorismus erstmals auf Platz 10 der Sorgenliste. Terrorismusexperte Rolf Tophoven sieht einen Zusammenhang mit der Häufigkeit der Anschläge. „Wenn in einem Jahr gefragt wird und bis dahin nichts passiert, werden sich Deutsche wieder weniger sorgen“, so Tophoven. Die Politik kann seiner Meinung nach trotzdem etwas tun. Neben Investitionen in Aufklärung und Nachrichtendienste sollten mehr Polizisten auf den Straßen sichtbar sein. Das helfe den Bürgern, sich sicherer fühlen. Trotzdem sollt die Politik ruhig bleiben. „Schränkt man den Alltag für die Sicherheit zu sehr ein, gibt man Terroristen genau das, was sie wollen“, so Tophoven.

Armut auf Platz 2 der Sorgenliste

Nicht nur die Sorge, beim Volksfest in die Luft gesprengt zu werden, wächst – sondern dort womöglich gar nicht mehr hin zu können. Deutlich mehr Menschen – sieben Prozent mehr als im Vorjahr – fürchten sich vor Armut. Das bedeutet Platz zwei auf der Sorgenliste. Dabei ist die Angst, im Alter nicht ausreichend Geld zur Verfügung zu haben, besonders groß. Schließlich steigt die Anzahl der Bezieher von Grundsicherung im Alter.

Auch die umlagefinanzierte Rentenversicherung wird kontrovers diskutiert. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, plädiert dafür, das Rentenniveau auf 53 Prozent anzuheben. Außerdem solle man die private Altersvorsorge abschaffen. „Menschen haben keine Lust, sich in ihrer Freizeit mit Versicherungsvertretern herumzuschlagen. Sie wollen sich auf die gesetzliche Rente verlassen können“, so Schneider.

Um überhaupt ausreichend Rente zu bekommen, ist ein sicherer Arbeitsplatz die Grundvoraussetzung. Deshalb stieg die Angst vor Arbeitslosigkeit auch gleichzeitig an – 16 Prozent der Befragten denken darüber nach. Schaut man auf die Zahlen der OECD, scheint die wachsende Angst unberechtigt. Die Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent (2016) ist so niedrig wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Hilmar Schneider, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit, warnt dennoch davor, zu zuversichtlich zu sein. „Seit zehn Jahren gibt es in Westdeutschland ein konstantes Arbeitslosigkeitsrisiko. Die Arbeitslosigkeit im Osten sinkt nur, weil die Verlierer der Wende jetzt in Rente gehen“, so Schneider. Im Schnitt sei man sieben Monate arbeitslos, bis man einen neuen Job gefunden habe. Bei Menschen mit Studienabschluss hätten es vor allem die Geisteswissenschaftler schwer. „Das ist die Risikogruppe, weil der Markt nicht so viele Absolventen absorbieren kann.“

Da in Ostdeutschland die Beschäftigung nicht steige, gebe es keinen Grund, optimistisch zu sein, wenn man seinen Job verliere. Um das Risiko der Arbeitslosigkeit zu verringern, rät Schneider den Politikern, von Regulierungen die Finger zu lassen. Da Deutschland vom Export abhängig sei, unterlägen Firmen starken Auslastungsschwankungen. „Unternehmen sind auf Zeitarbeiter angewiesen. Wenn Unternehmen weniger Flexibilitätsspielraum hätten, wären sie gezwungen, auf Nummer sicher zu gehen. So würden sie nur noch weniger Arbeitnehmer einstellen.“

Kommentare zu " Die Sorgen der Deutschen: Weniger Angst vor der Flüchtlingskrise"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%