Zum Bundestagswahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Grünen-Chef Cem Özdemir
„Die FDP versteht Marktwirtschaft nicht“

Keine Zweifel am Regierungswillen

Am Ende des Parteitages, an dem nichts beschlossen, sondern nur um die Aufmerksamkeit des Wahlvolkes gekämpft wird, redet Kretschmanns „Landeskind“, Cem Özdemir. Und er gibt den väterlichen Mentor: Schon damals sei ihm bei dem „jungen Burschen aus Bad Urach das Talent und der klare Kompass“ aufgefallen. Der türkische Schwabe gibt den Staatsmann, der Klimaschutz und Wirtschaftskraft zugleich verheißt: „Für die FDP sind Kohlekraftwerke aus den Zeiten Sepp Herbergers mit einem Wirkungsgrad von 30 Prozent High-Tech“, lästert er über die gefährlichsten Konkurrenten. Das sei „eine Beleidigung für jeden deutschen Ingenieur“. Und wiederholt sein Mantra: „Die Frage ist nicht, ob das Auto der Zukunft emissionsfrei ist, das ist sowieso klar. Die Frage ist, ob es in Deutschland gebaut wird“.

Und er kehrt den Vorwurf der Wirtschaftsfeindlichkeit, der die Grünen seit ihrer Gründung begleitet, um: Es seien „Lindner und die CSU, die sich vom Automobilstandort Deutschland verabschieden“, weil sie am Verbrennungsmotor festhalten. Überhaupt hätten gerade die Liberalen „die Marktwirtschaft völlig falsch verstanden“: Die Politik dürfe eben nicht nur „Dienstleister der Industrie sein“, wie es Lindner mal formuliert hat“, sondern „Antreiber der Industrie“. Denn „unsere großartigen Ingenieure schaffen das“.

Brücken zur Jamaika-Koalition

Scharfe Geschütze fährt Özdemir gegen Linder auch in der Außenpolitik auf, brandmarkt den FDP-Chef als Anti-Europäer: Es seien schlicht Fake News, wenn Lindner behaupte, Berlin oder Brüssel seien nicht rund um die Uhr zu Gesprächen mit Putin bereit. Und „die Kanzlerin hat recht: Mit der Haltung wie sie Lindner zur Krim hat, hätte es nie eine europäische Einigung gegeben“.

Starker Tobak, doch auf özdemir‘sche Art höflich, sodass die Brücken auch dann nicht zerstört sind, wenn sie doch in die Verlegenheit eine Jamaika-Koalition kommen sollten. Denn auch dafür stehen die Grünen bereit: Sie reden mit allen demokratischen Kräften, also allen außer der AfD, verspricht Özdemir. Wenn also alle Gespräche mit Omas, Ex-Liebhabern und Nachbarinnen nicht reichen, und es eben doch nicht für schwarz-grün reicht, reden sie auch über Jamaika.

Am Regierungswillen lassen die führenden Grünen – ganz anders als 2013 – diesmal keine Zweifel. Wenn die Wende bei der Klimapolitik kommt, Braunkohlewerke abgeschaltet werden und sich in der Agrarpolitik etwas Richtung Öko bewegt, wollen die führenden Realos Özdemir, Göring-Eckardt und Kretschmann das Wagnis eines Bündnisses mit der Union auch im Bund angehen.

Kein Wunder, dass führende Linke wie Jürgen Trittin nur so zaghaft klatschen, dass der grünen Form Genüge getan ist. Die Linken Grünen haben nun Angst vor Schwarz-Grün oder gar Jamaika – sind nach ihrer Niederlage 2013 aber zum Schwiegen verdammt. Das linke Gewissen der Partei, der scheidende Kreuzberger Direktkandidat Christian Ströbele versteckt das nicht: Während der Gasometer vom begeisterten Applaus für Göring-Eckardt widerhallt, steht er in der letzten Reihe und regt keine Hand.

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Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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