Martin Schulz in Berlin
Untergang mit wehenden Fahnen

Während Merkel in München gegen ein Pfeifkonzert anreden muss, jubeln SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in Berlin die Massen zu. Von dem riesigen Druck, der auf ihm lastet, lässt er sich am Freitag nichts anmerken.
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BerlinVor einer atemberaubenden Kulisse, unter strahlend blauem Himmel steht Martin Schulz auf der Bühne vor dem Gendarmenmarkt in Berlin und redet mit fast inbrünstiger Überzeugung über ein gerechteres Deutschland, ein solidarisches Europa und eine historische SPD, die als Bollwerk gegen den Rechtsruck in vielen Teilen der Welt stehe. „Zieht Euch warm an. Ihr seid unsere Feinde!“, schleudert Schulz der AfD entgegen. Mehr als 4000 Zuschauer jubeln ihm zu. Nur wenige Minuten nach ihm betritt die Kanzlerin auf dem Münchner Marienplatz ihre Bühne und muss gegen ein gellendes Pfeifkonzert und Hau-ab-Rufe von Störern anreden.

Es scheint wie eine verkehrte Welt. Stimmen die jüngsten Umfragen, muss die SPD eine historische Demütigung befürchten. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht die SPD nur noch bei 21,5 Prozent. Damit könnte es noch tiefer runter gehen als 2009, als Frank-Walter Steinmeier nur 23 Prozent holte. Was dann aus Martin Schulz wird, ist nicht vorherzusagen. Aber der 61-Jährige lässt sich nichts anmerken. Im Gegenteil.

Während er über die Herzensthemen der Sozialdemokraten wie Kinderarmut, Rente und Pflege spricht, ist es fast still im Herzen Berlins. Die Menschen hören ihm wirklich zu. Und Schulz lässt auch auf den letzten Metern kein bisschen nach. Noch einmal nutzt er, der keine realistische Chance mehr hat, Kanzler zu werden, die Gelegenheit, um Angela Merkel anzugehen. Eine zum vierten Mal von ihr angeführte Regierung werde eine Regierung der „sozialen Kälte“ sein, der die Sorgen der Menschen egal seien.

Merkel lulle das Land ein, dabei sei der Wettbewerb das Salz in der Suppe der Demokratie, ruft Schulz. Stattdessen verordne Merkel der Republik eine „Schlaftabletten-Politik“.

Schließlich habe sie alle guten Ideen in den letzten Jahren von den Sozialdemokraten geklaut. „Wenn ich sagen würde, die SPD verspricht ewigen Sonnenschein“, ruft Schulz halblachend, „käme zwei Stunden später eine Agentur, der Wetterausschuss der CDU unter Leitung von Angela Merkel habe das schon vor zwei Wochen beschlossen.“

Noch deutlicher sagt er der AfD den Kampf an: „Wenn die AfD in den Bundestag kommt, dann zieht dort zum ersten Mal seit 1945 wieder die Sprache der Totengräber der Demokratie ein“, ruft er. Das seien die „Feinde der Demokratie“ und die Demokratie werde er in Deutschland verteidigen. Selten gab es einen Kanzlerkandidaten, der, trotz wachsender Aussichtslosigkeit, sich so abgerackert hat wie Schulz.

Auch deswegen begeistert er die Massen – bis zum bitteren Ende. Egal, wo er in den vergangenen Wochen aufgetreten ist: Tausende Menschen kamen, um ihn zu sehen. Woher die schlechten Umfragewerte kommen, können sich seine Anhänger auch an diesem Freitag nicht erklären. Der 21-jährige Pascal ist extra aus der Nähe von Frankfurt angereist, um den SPD-Chef zu unterstützen. Mit der Parteifahne und dem „Zeit-für-Martin“-Anstecker ist er auch jetzt noch von Schulz überzeugt. Sein Freund Gregor, der in einem „I love Raute“-T-Shirt neben ihm steht, schüttelt den Kopf. Der 18-Jährige hat eine Wette verloren und ist deswegen als Mitglied der Jungen Union trotzdem auf dem Gendarmenmarkt bei Martin Schulz.

Der redet auf der Bühne gerade davon, wie die SPD die Ehe für alle ermöglicht habe. Pascal schwenkt zustimmend die rote SPD-Fahne. Gregor lacht. „Stimmt, das war ja die SPD“, sagt er mit unüberhörbarer Ironie. Aus seiner Sicht ist der Grund für die Misere der Sozialdemokraten ganz klar: „Angela Merkel hat alles richtig gemacht in den letzten Jahren“. Den Deutschen gehe es doch gut. Warum sollten sie sich da auf etwas neues einlassen?

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