Renate Künast über Hass im Netz

„Auf Facebook gibt es keine Scheu, sich abfällig zu äußern“

Renate Künast ist oft Ziel heftiger Verbalattacken bei Facebook & Co. Im Interview schildert die Grünen-Politikerin, wie sie damit umgeht. Und sie stellt eine düstere Prognose, sollte die AfD in den Bundestag einziehen.
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„Manchmal hat sich das angefühlt wie eine Mutprobe.“ Quelle: dapd
Renate Künast.

„Manchmal hat sich das angefühlt wie eine Mutprobe.“

(Foto: dapd)

BerlinSie werden beleidigt, beschimpft, teilweise werden Politiker in Kommentaren über die sozialen Medien sogar bedroht. Sollen sie das akzeptieren? Ertragen? Oder sich wehren? Die Berliner Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast versuchte es im vergangenen Herbst mit einer ungewöhnlichen Aktion. Sie stand unangemeldet vor mehreren Haustüren und stellte Leute zur Rede, die sie im Netz beschimpft hatten. Ihre Erfahrungen schrieb sie auf. Daraus entstand das Buch „Hass ist keine Meinung. Was die Wut in unserem Land anrichtet.“ Im Interview schildert die Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses ihre Beweggründe für das Buch. Und sie stellt eine düstere Prognose für den Fall auf, dass die AfD den Einzug in den Bundestag schafft.

Frau Künast, seit Juni 2009 sind Sie auf Facebook, seit Mai 2013 bei Twitter aktiv. Haben Sie damals schon erlebt, dass die Umgangsformen auf den Plattformen anders sind als in der analogen Welt?
Damals waren viele Social-Media-Euphoriker unterwegs. Das war ich nie. Es herrschte ein durchschnittlicher Umgangston. Parallel mit dem Aufkommen der Pegida-Bewegung und dem AfD-Rechtsruck nach dem Abgang von Bernd Lucke ist die Sprache in den sozialen Medien spürbar schärfer geworden. Mein Eindruck war, dass das einige sogar systematisch betreiben.

In Ihrem Buch schildern Sie Ihre Erfahrungen mit Hasskommentaren. Was hat Sie bewogen, dass aufzuschreiben und öffentlich zu machen?
Mich hat die Frage umgetrieben: Was ist das, was da passiert? Und was bedeutet das für die Demokratie, wenn diejenigen, die sich engagieren, wie Berufspolitikerinnen, Flüchtlingshelfer oder ehrenamtliche Bürgermeister durch Hasspostings derart unter Druck geraten, dass sie ihr Engagement beenden? Ich wollte auch wissen, wer diejenigen sind, die diesen Druck aufbauen. Und schließlich, wie man sich dagegen wehren kann. Ich habe festgestellt, dass hier eben nicht nur einzelne Abgehängte am Werke sind, sondern, dass vieles im Netz auch politisch gesteuert ist. Mit dem Ziel, die Gesellschaft weit nach rechts zu rücken.

Was war ihr ganz spezielles Facebook- bzw. Twitter-Erlebnis, bei dem sie mit Hass konfrontiert wurden?
Die Massivität der Angriffe hat mich überrascht. Auch, dass es überhaupt keine Scheu gibt, sich abfällig zu äußern. Etwa, als mir gesagt wurde, man würde sich freuen, mal ein Enthauptungsvideo von mir zu sehen. Dieser Hass hat mich schon nachdenklich gemacht, und ich habe mich gefragt, ob es wirklich Teile in der Gesellschaft gibt, wo so etwas bereits normal geworden ist. Wir müssen aufpassen, dass das nicht außer Kontrolle gerät und am Ende die digitale Welt über die analoge Welt bestimmt. Es hat sich ja schon etwas verändert. Ich selbst merke, dass diese Dinge nicht spurlos an mir und anderen vorübergehen.

Normalerweise ist es doch so: wenn ich beleidigt oder bedroht werde, wende ich mich an die Polizei, erstatte Anzeige und hoffe, dass mir geholfen wird. Sie sind selbst aktiv geworden und haben einige der Kommentatoren zuhause besucht. Warum?
Ich wollte wissen: Wer ist das, der mich da beschimpft. Ich bin nicht mal zu den Schlimmsten gegangen. Die hätte ich auch gar nicht treffen wollen. Mir ging es darum, auch selbst einmal frech zu sein. Nach dem Motto: Jetzt bin ich hier und konfrontiere Sie mit Ihrem Tweet und eben mit meiner Anwesenheit. Ich hatte Kopien von den Kommentaren dabei. Und habe diese gezeigt und gesagt: Schauen Sie mal, sowas schreiben Sie mir. Manchmal hat sich das angefühlt wie eine Mutprobe. Ich wusste ja nicht, wer mir da gegenübertritt.

Wie waren die Reaktionen?
Was mich erschrocken hat, ist, dass die Leute behaupten, sie hätten gar nicht gewusst, dass ihre Kommentare mich tatsächlich erreichen und ich sie auch lese. Die glauben wirklich, sie hätten das in eine anonyme Welt geschickt. Und ich finde es furchtbar, dass es wirklich Leute gibt, die meinen, mit anderen so abfällig reden zu können. Ist das nicht schrecklich?

„Von der verbalen Hetze bis zu konkreten Tat ist es nicht weit“
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  • Wie Sie anhand meiner Schreibzeichen - pardon - Lebenszeichen lesen können, habe ich überlebt.

  • So geht Demokratie im 21. Jahrhundert in Deutschland. Ich wette die wählen Grün oder Rot!


    8.9.17
    AfD-Team von Linksradikalen zusammengeschlagen

    Stuttgart. Zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden wurde das AfD-Plakatierer-Team vom Stuttgarter Bundestagskandidaten Dirk Spaniel hinterrücks überfallen, zusammengeschlagen und verletzt. Nun stellt er den Wahlkampf ein, um seine Helfer nicht weiter zu gefährden. Weiterlesen auf jungefreiheit.de

  • Das mit der einen Zeile Herr Kabus und meiner Schuld, damit kann ich leben.

    Und sie bestimmt auch!

  • Dafür habe ich mir den nächsten Artikel von Herrn Neuerer durchgelesen:

    „Strauß-Kinder empört über AfD-Wahlwerbung mit ihrem Vater“

    Danach habe ich sogleich den 1, Kommentar abgegeben, den Sie zuerst lesen sollten, Herr Heck.

    Das erspart intensives Lesen des ganzen Artikels – obwohl doch ganz unterhaltsam, wenn man weiß, worauf es ankommt.

  • Danke Herr Heck,

    damit haben Sie mir das Lesen dieses Artikels erspart.

    Um zu kommentieren, hatte mir bereits die Artikel-Überschrift voll und ganz ganz gereicht.

    Wie Sie sicher gelesen haben, beschäftige ich mich dabei mit Wichtigerem als so was wie eine KühnAst. Die ist mir vom Grundsatz her eigentlich nicht eine Wert.

    Das es doch eine Zeile geworden ist, sind nur Sie schuld, Herr Heck.

  • Einschränkung.

    Die besucht leider nur Menschen, die sich abfällig in Facebook über sie geäussert haben.

  • Herr Kabus,

    Die Künast besucht doch ihre Facebookfans, deswegen mein Kommentar dazu, also die mich besuchen?

    Und die Grünen sind doch die mit den Menschen, die bei ihrer Rede einen Sprechdurchfall haben und nicht wissen, wann man einen Punkt setzt.

    Ich denke es ist jetzt angekommen was ich meinte. Manchmal bin ich aich eher zu schnell und der andere versteht nicht immer.

    Man kann ja nachfragen. Sie sehen, ich antworte je nach Fragestellung. Wenn es nur um das Verständis geht kein Thema.

  • Auch wenn ich mit FB nichts zu schaffen habe:

    FB ist als "Plumpsklo" im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlich" benutzbaren Klo's immer noch kostenlos benutzbar.

    Andererseits ist die maaslose Reinigungs- und Entsorgungskultur bei den öffentlich-rechtlich gegen Zwangsnutzungsgebühr benutzbaren "Anstalten" überhaupt nicht gegeben. Und dennoch darf da Jeder, dem Zugang in diese luxeriösen Orte gestattet wird, hemmungslos seiner Notdurft freien Lauf lassen.

  • Facebook ist wie ein Plumsklo ! Wer draufgeht stinkt wenn er runter kommt .

  • Seien Sie ebenfalls gegrüßt Herr Heck.

    Mein Problem ist gerade - ich verstehe ihre beiden anderen Kommentare nicht.

    Wird wohl daran liegen, dass ich es mir nicht angetan habe, den Artikel hier zu lesen.

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