SPD-Chef redet sich in Rage
Schulz macht den Schröder

Plötzlich gibt sich Martin Schulz kämpferisch – doch da ist die Wahl schon gelaufen. Die „Elefantenrunde“ der Spitzenkandidaten am Sonntagabend bei ARD und ZDF war große Konfrontation statt große Koalition.
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Angela Merkel dürfte es wie ein Déjà-vu vorgekommen sein, als der unterlegene Herausforderer Martin Schulz in der „Elefantenrunde“ von ARD und ZDF auf sie losgeht. Einen „skandalösen“ Wahlkampf habe die Kanzlerin geführt, poltert der SPD-Chef am Sonntagabend. Mit ihrer „systematischen Verweigerung von Politik“ habe sie die AfD gestärkt. Merkel trage eine „große Verantwortung“ für deren Erfolg, die Union habe eine „verdiente Niederlage“ eingefahren.

Vor zwölf Jahren hat Merkel etwas Ähnliches erlebt. Der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder, gegen den sie gerade mit hauchdünner Mehrheit die Wahl gewonnen hatte, stellte sie in einer legendären Elefantenrunde als Verliererin da. Schröder wirkte wie berauscht von seiner Aufholjagd, die ihm fast in letzter Minute noch den Sieg gebracht hätte. Aber eben nur fast. Merkel wurde Kanzlerin und ist es bis heute geblieben.

Der Unterschied zwischen Schröder damals und Schulz heute: Die Aufholjagd von Schulz dauerte nur wenige Wochen. Dann stürzte er in den Umfragen ab und bescherte seiner stolzen Partei jetzt das schlechteste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte. „Meine Stimmung ist gut“, sagt Schulz nun trotzdem angriffslustig.

Einen solchen Auftritt hätten sich viele in der SPD schon für das Fernsehduell vor der Wahl am 3. September gewünscht. Aber dieses einzige Duell geriet zum Duett. Die meisten Kommentatoren waren sich einig, dass sich da schon einmal die große Koalition für die nächsten vier Jahre warmlief.

In der „Elefantenrunde“ dreht Schulz auf, spricht von der „Konfrontation“, die künftig zwischen einer linken Opposition unter Führung der SPD und einer Mitte-Rechts-Koalition nötig sei. Gemeint ist eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen. Den beiden potenziellen kleineren Koalitionspartnern gibt Schulz sogar Tipps für die wahrscheinlich bevorstehenden Verhandlungen mit Merkel: „Sie werden sich keine Sorgen machen müssen, Sie kriegen alles durch. Frau Merkel wird Ihnen sehr weit entgegen kommen.“

So irritiert, wie Merkel damals auf Schröder reagierte, blickt sie auch diesmal wieder. Spöttisch schmunzelnd und ein wenig ungläubig folgt Merkel dem Redeschwall des SPD-Vorsitzenden. Sie sei ja „etwas traurig“ über die negative Beschreibung der guten Arbeit der großen Koalition durch Schulz. Schließlich habe man für das Land doch „viel erreicht in nicht ganz einfachen Situationen“.

Und überhaupt: Es gebe schlicht keine abgewählte große Koalition, weil es rechnerisch immer noch für eine Zusammenarbeit von Union und SPD reichen würde, hält sie Schulz entgegen. Das sei keine theoretische, sondern eine sehr praktische Frage von Verantwortung. Nun sei es Aufgabe der Union, auf die anderen Parteien zuzugehen, sagt Merkel, von der bekannt ist, dass sie einer erneuten großen Koalition nicht ganz abgeneigt gegenüber steht. Aber sie habe ja jetzt „vernommen, dass die SPD offensichtlich zu Gesprächen nicht zur Verfügung steht“.

Doch ganz so schnell will Merkel Schulz an diesem Abend nicht aus der Verantwortung entlassen. Schließlich sei die amtierende schwarz-rote Koalition noch im Amt, bis ein neuer Bundestagspräsident gewählt sei – was innerhalb von 30 Tagen passieren muss. Und auch anschließend sei die GroKo bis zur Vereidigung einer neuen Regierung immer noch geschäftsführend im Amt. Soviel zur Verantwortung.

Und die AfD? Sie bietet einen Vorgeschmack auf das, was künftig im Bundestag zu erwarten ist. Parteichef Jörg Meuthen fordert einen Untersuchungsausschuss zur Flüchtlingskrise, beklagt die „sukzessive Auflösung unserer Nation“, und dass er in den Innenstädten teilweise nur „noch vereinzelt Deutsche“ sehe.

Merkel reagiert gewohnt nüchtern: Sie scheue sich nicht vor einem Untersuchungsausschuss, hält sie dem AfD-Mann kühl entgegen. Aber man müsse bitteschön doch aufpassen, „dass wir noch genug Zeit haben, uns um die Zukunft zu kümmern“. „Deshalb rate ich uns, die Legislaturperiode nicht mit Vergangenheitsschau allein“ zu beginnen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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