Talkrunden-Analyse Schulz probt in Elefantenrunde den Wahlkampf 2021

Im TV ging es nach der Wahl hoch her: In der Elefantenrunde schießt ein angefressener Martin Schulz heftig gegen die Kanzlerin. Bei „Anne Will“ hält Kubicki (FDP) den Ball flach, Özdemir (Grüne) zeigt Lust aufs Regieren.
Update: 25.09.2017 - 07:09 Uhr 2 Kommentare
Keine Lust mehr auf Merkel
Angela Merkel
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Die Enttäuschung ist ihr anzusehen: Angela Merkel wird Bundeskanzlerin bleiben, CDU/CSU haben jedoch viel Stimmen verloren.

Im Adenauer-Haus
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Die Parteispitze applaudiert der Chefin. Als die CDU-Chefin um 18.49 Uhr auf die Bühne im Konrad-Adenauer-Haus tritt, wird sie mit „Angie, Angie“-Rufen empfangen.

Handy-Alarm
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Die Kanzlerin erklärt die Union trotz der Verluste zur Wahlsiegerin, weil das „strategische Ziel“ erreicht worden sei, weiter die Regierung anzuführen.

CDU-Spitze
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Dass die CDU-Chefin die gesamte Führungsspitze hinter sich versammelt, sollte ein wichtiges Zeichen sein: Auch beim schlechtesten Ergebnis der Union seit 1949 soll nicht der Eindruck einer Führungsdiskussion in der CDU entstehen.

Enttäuscht
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Noch schlechter müsste die Stimmung bei der SPD sein. Die Sozialdemokraten haben ein historisches Debakel zu verkraften.

Im Willy-Brandt-Haus
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Doch als der Vorsitzende um 18.30 Uhr zusammen mit der Führungsmannschaft im Atrium des Willy-Brandt-Hauses erscheint, gibt es kein Halten mehr. „Martin, Martin“, rufen Mitarbeiter, Jusos und Parteianhänger. Moment mal.

Viel Applaus
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Steht da vorne nicht jener Mann, in dessen Verantwortung die älteste Partei Deutschlands, die Partei von Bebel, Schumacher und Brandt, gerade krachend vor die Wand gefahren ist? Wer sich angesichts der katastrophalen Zahlen knapp über 20 Prozent fragt, kann die SPD mit Schulz überhaupt weitermachen, erlebt in diesem Moment quasi eine Abstimmung mit den Füßen. Die Genossen wollen ihren Martin behalten. Und er will es auch.

Berlin, DüsseldorfAn Bundestagswahl-Abenden läuft kein „Tatort“. Das war aber auch nicht nötig. Die ARD bot mit Talkrunden ein größeres Spektrum an Emotionen als jeder Krimi. In der „Berliner Runde“, die ARD und ZDF um 20.15 Uhr zeitgleich sendeten, schlug insbesondere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz scharfe Töne an.

Schulz war das schlechte Abschneiden seiner Partei deutlich anzumerken, er wirkte angefressen. Mit 20,5 Prozent liegt die SPD noch einmal deutlich unter dem bisher schlechtesten Ergebnis von 23 Prozent im Jahr 2009. Der als Hoffnungsträger gestartete SPD-Kanzlerkandidat versuchte denn auch, gleich zu Beginn die Deutung über das Ergebnis wiederzugewinnen und Land gutzumachen. Eine Fortsetzung der großen Koalition werde es nicht geben. „Unsere Zusammenarbeit ist mit dem heutigen Tag beendet. Diese große Koalition ist abgewählt worden“, so Schulz. „Wir sind eine Partei, die Verantwortung für dieses Land hat. Eine starke Opposition ist in dieser Situation eine wichtige Aufgabe.“

Im Unterschied zum freundlichen Kurs beim TV-Duell Merkel-Schulz vor der Wahl ging der SPD-Chef in der Folge hart mit der Bundeskanzlerin und ihrer Partei ins Gericht. Angela Merkel sei die „größte Verliererin“ des Wahlabends. Mehr noch: Merkel habe einen „skandalösen Wahlkampf“ gemacht und sich um politische Positionierung herumgedrückt, so Schulz. Die Verantwortung für den Einzug der AfD in den Bundestag trage die Kanzlerin.

„Not my Mutti“ – Merkels schwierige Aufgabe nach der SPD-Absage

„Not my Mutti“ – Merkels schwierige Aufgabe nach der SPD-Absage

Auch mit den Moderatoren von ARD und ZDF legte sich der SPD-Chef an. Schulz pocht darauf, ausreden zu können. Bereits im TV-Duell sei er nicht zu Wort gekommen. Dass es zu einem schwarz-gelb-grünen Bündnis kommen werde, steht für den SPD-Chef am Wahlabend außer Zweifel. „Ich glaube, dass die Widerspruchskoalition zwischen CSU und Grünen zustande kommen wird.“ Merkel werde „jede Konzession machen“, um nun in einer Jamaika-Koalition regieren zu können. „Sie kriegen alles durch“, prophezeite er Grünen und FDP. „Frau Merkel wird ihnen da entgegenkommen.“ Und weiter: „Jemand hat sie als Ideenstaubsauger bezeichnet in einem Kommentar. Fand ich ganz nett.“ Merkel blickt Schulz in diesem Moment an, als wolle sie den SPD-Chef auffressen.

Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckhardt ermahnte Schulz, doch nicht gleich schon mit dem Wahlkampf 2021 zu beginnen. Und FDP-Spitzenmann Christian Lindner konterte: „Wir werden nicht zulassen, dass die SPD bestimmt, wer in eine Koalition gezwungen wird, und wer nicht.“ Lindner merkte süffisant an, Schulz rede sich um Kopf und Kragen. „Herr Schulz hat hier gerade gesagt, eine Koalition aus Grün und Gelb sei eine Koalition der Lähmung. Das heißt, Sie nehmen eine schlechte Regierung in Kauf. Das nennen sie dann Verantwortung.“

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich nach eigenen Angaben „nicht enttäuscht“ vom Wahlergebnis, wirkte aber doch angekratzt. In Reaktion auf Martin Schulz betonte sie: „Ich bin etwas traurig, dass die gute Arbeit, die wir gemacht haben in der großen Koalition nun so schlecht geredet wird.“ Sie registrierte immerhin, wie die Grüne und FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner als ihre mutmaßlichen künftigen Koalitionspartner bereits zu flirten begannen.

Und CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann machte ein ganz neues Fass auf, indem er den öffentlich-rechtlichen Sendern vorwarf, sie hätten durch ihre Sendungen die AfD erst großgemacht. Selbst in der „Berliner Runde“ sei ja vor allem über die AfD gesprochen wurden. Da konnten die Moderatoren Rainald Becker und Peter Frey, Chefredakteure bei ARD und ZDF, allerdings mit Recht darauf verweisen, dass sämtliche Studiogäste bei Fragen zum Thema AfD geradezu übersprudelten.

Es ging also hoch her in der mit sieben Gästen seit langem größten „Elefantenrunde“ der im neuen Bundestag vertretenen Parteien - und das setzte sich im Anschluss in Anne Wills Talkshow weiter fort. Dort prophezeite der einzige Nicht-Politiker der Runde, „Stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, im ersten Redebeitrag, dass wegen des Wahlausgangs die Führungen der Volksparteien „alle mittelfristig abgelöst“ würden. Außer Schulz, bei dem sich das bereits abzeichne, werde das auch Merkel und erst recht Horst Seehofer treffen, bemerkte der Journalist im Gestus einer aufgekratzten Kassandra.

Die CDU vertrat Ursula von der Leyen, die sich in umständlichen Sätzen erst mal erfreut äußerte, dass die bürgerliche Mitte klar stärker sei als „die extremen Ränder“, zu denen sie außer der AfD auch die Linke zählte. Erst auf Nachfrage bekundete die noch amtierende Verteidigungsministerin, dass das Wahlergebnis ihrer Partei nicht gut sei.

Im Verlauf von Wahlabend-Diskussionen hätten ja immer alle die Wahl gewonnen, hob Cem Özdemir an. Er aber wolle trotz des guten Ergebnisses seiner Grünen nicht daran anknüpfen – wegen der „Erdrutsch“-artigen AfD-Gewinne. „In meinem Land gibt's 'ne tiefe Spaltung!“, sagte Özdemir. „Sehen Sie das erst jetzt?“, bemerkte Moderatorin Will schlagfertig.

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2 Kommentare zu "Talkrunden-Analyse: Schulz probt in Elefantenrunde den Wahlkampf 2021"

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  • Der mediale Großangriff hat der A f D nicht geschadet ,sondern genutzt !
    Die S P D hat verstanden , so scheint es , die C S U auch !
    Die C D U noch nicht, sie hat ja ihr ZIEL erreicht ( so Kauder ) !
    F D P Kubicki , ratlos . Wir sollen jetzt aufräumen ?
    Keine Lust; Auftrag an S P D !!! Drückt mal die Klospülung und macht sauber, dann kommen wir .
    Grüne ; Wir machen mit, wenn es Freibier und Manna für ALLE gibt !

    Der Bundestag wird bunter , wie das Land !!!

  • Ein großartiger Tag für die Demokratie!

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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