Talkrunden-Analyse
Schulz probt in Elefantenrunde den Wahlkampf 2021

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SPD im „Schmollwinkel“ oder in der Opposition?

Die SPD vertrat mit bitterernster Miene Mecklenburg-Vorpommerns neue Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Der neue Bundestag brauche „eine lebendige Opposition“, verteidigte sie den rasch gefassten Beschluss ihrer Partei, nicht für eine weitere Regierung zur Verfügung zu stehen – den Özdemir den „Schmollwinkel“ nannte. Der Grüne erinnerte an die Verantwortung, die die SPD in vergangenen Epochen übernommen hatte, etwa bevor die Nazis 1933 die Demokratie abschafften. Schwesig schien sich bereits in der neuen Fundamentaloppositions-Rolle gegen CDU, FDP und Grüne zu üben, während Özdemir enorm staatsmännisch („Ab und zu geht's auch mal ums Land und nicht nur um die Partei“) seine Lust aufs Regieren zeigte.

Wolfgang Kubicki vom Koalitionspartner in spe FDP nutzte die Steilvorlagen, um den Ball flach zu halten. "Wir diskutieren, als ob die Machtergreifung der AfD bevorstünde", sagte er, dabei habe die AfD doch bloß gut 13 Prozent der Stimmen errungen.

Tatsächlich saß AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland ebenfalls im Studio. Von ihm waren bereits mehrere längst breit zitierte Wahlkampf-Sätze erneut zitiert worden, bevor er nach einer halben Stunde erstmals direkt zu Wort kam. Es werde lieber „über uns statt mit uns“ geredet, konstatierte er, ohne sich zu ärgern. Dass das der AfD eher nütze als schade, habe die Wahl ja bewiesen. Dann beschwerte er sich aber doch über die „rechtsradikale Keule“, mit der seiner Partei immer konfrontiert würde. Woraufhin von der Leyen flexibel von der „Masche, die wir bei Trump erlebt haben“, sprach.

In der zweiten Talkshow-Hälfte wurde wie gewohnt lange parallel gesprochen, so dass einzelne Argumente oft kaum zu verstehen waren. Bloß hoch her ging es offensichtlich. Einmal erinnerte Gauland an „die großen Debatten“, die er als junger Mann im Radio aus dem Bundestag gehört habe, etwa zwischen Willy Brandt und Rainer Barzel. Und da hatte der AfD-Vertreter tatsächlich einen Punkt.

Wills gute Frage, ob der neue Bundestag ein „besseres Abbild der Gesellschaft“ biete, bejahte „Stern“-Journalist Jörges uneingeschränkt („Der letzte Bundestag war schrecklich“). Kubickis FDP freut sich natürlich, wieder drin zu sein. Dass im alten Bundestag nicht alles gut gelaufen war, kleidete Özdemir in die gegenüber seinem mutmaßlichen künftigen großen Partner gegenüber milde Formulierung, dass die Große Koalition „nicht so einen tollen Job“ gemacht habe.

Wenn die Debatten, die in den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen gelegentlich in Fernseh-Talkshows stattfanden, künftig auch wieder im Parlament mit seinen anderen Regeln – zum Beispiel darf immer nur einer reden, und die Beiträge dürfen länger sein – passieren, kann das der Demokratie nur gut tun. Wenn nicht mehr eine kleine Bundestags-Opposition einer Großen Koalition gegenübersteht, sondern der neuen Bundesregierung eine große Opposition von unterschiedlichen Seiten, könnten sich ja wirklich wieder parlamentarische Sternstunden ereignen wie einst, als Willy Brandt noch im Bundestag saß. Das haben die beiden Talkrunden am Sonntagabend in der ARD schön angedeutet.

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  • Der mediale Großangriff hat der A f D nicht geschadet ,sondern genutzt !
    Die S P D hat verstanden , so scheint es , die C S U auch !
    Die C D U noch nicht, sie hat ja ihr ZIEL erreicht ( so Kauder ) !
    F D P Kubicki , ratlos . Wir sollen jetzt aufräumen ?
    Keine Lust; Auftrag an S P D !!! Drückt mal die Klospülung und macht sauber, dann kommen wir .
    Grüne ; Wir machen mit, wenn es Freibier und Manna für ALLE gibt !

    Der Bundestag wird bunter , wie das Land !!!

  • Ein großartiger Tag für die Demokratie!

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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