Unter Männern Politikerinnen werden in Deutschland wieder seltener

Politikerinnen sind nichts Besonderes mehr – eigentlich. Obwohl Deutschland von einer Kanzlerin regiert wird, gibt es immer weniger Frauen in der Politik. Forscher kritisieren die Strukturen als „männlich dominiert“.
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Arbeitsministerin Andrea Nahles (links) und Bundeskanzlerin Angela Merkel sind prominente Aushängeschilder ihrer Parteien. Dennoch sind Frauen in politischen Parteien nach wie vor unterrepräsentiert. Quelle: dpa
Die Ausnahme

Arbeitsministerin Andrea Nahles (links) und Bundeskanzlerin Angela Merkel sind prominente Aushängeschilder ihrer Parteien. Dennoch sind Frauen in politischen Parteien nach wie vor unterrepräsentiert.

(Foto: dpa)

München/BerlinAngela Merkel, Katrin Göring-Eckardt, Alice Weidel, Sahra Wagenknecht, Andrea Nahles – in vielen Parteien sind auf den Listen für die Bundestagswahl prominente Frauen zu finden – auch ganz oben. Diese Spitzenpolitikerinnen dürfen aber über eines nicht hinwegtäuschen: Knapp 100 Jahre nach dem Erhalt des Wahlrechts sind Frauen in der Politik noch immer unterrepräsentiert. Nur 37,1 Prozent der Mandate im Bundestag gehen aktuell an Frauen und nach den Umfragen sinkt der Anteil nach dem 24. September auf 32 Prozent und damit deutlich unter den Bevölkerungsanteil von mehr als 50 Prozent. Aber warum ist das so? Eine Spurensuche.

Für Astrid Freudenstein, Listenplatz Nummer 26 bei der CSU, liegt ein Grund in der politischen Konfliktführung: „Politik wird von vielen Frauen als Ausübung von Macht, als permanentes Kämpfen wahrgenommen. Das ist für viele Frauen nicht so attraktiv.“ Zudem würde die Lebenssituation von Frauen mit der Geburt von Kindern oder häufigeren Wohnortwechseln die Karriere schwieriger machen, die Struktur – etwa die vielen Termine an Abenden und Wochenenden – sei sehr mühsam.

Ist Politik also zu männlich und schreckt deshalb Frauen ab? „Ja, das ist immer noch so“, sagt der Politikwissenschaftler Wichard Woyke von der Universität Münster. „Auch wenn sich die direkten Verhaltensmuster gegenüber Frauen verbessert haben, ist die Politik in ihren Strukturen männlich dominiert.“ Vordergründig werde etwa nicht mehr über Frauen gelästert, hinter den Kulissen werde aber in den Männernetzwerken wie früher agiert. Dort entstünden Freundschaften, die für Postenvergaben und gegenseitige Unterstützung entscheidend seien. „Das macht es für eine Frau, die nicht Teil des Netzwerkes ist, fast unmöglich, sich unter normalen Bedingungen durchzusetzen.“

In Zahlen ausgedrückt zeigt sich diese männliche Dominanz etwa im Bundestag auf den ersten Blick: 396 Männern stehen gerade einmal 234 Frauen gegenüber. Während bei der Linken und den Grünen sogar knapp mehr Frauen als Männer im Parlament sitzen, ist in der Union der Frauenmangel unübersehbar: 64 CDU'lerinnen und 15 CSU'lerinnen stehen 230 Männer gegenüber. Bei der SPD sind es immerhin 86 weibliche Abgeordnete von insgesamt 193. Jedoch sind in diesem Jahr nur 38 Prozent der bundesweiten SPD-Kandidaten in allen Wahlkreisen Frauen.

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6 Kommentare zu "Unter Männern: Politikerinnen werden in Deutschland wieder seltener"

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  • Das derzeitige Problem für Deutschland und Europa ist doch, dass die Qualifikation Frau zu sein bis in höchste Regierungsämter führen kann. Wie sagte doch der "letzte Mann" der SPD?: "Die kann das nicht!" und hat noch gar nicht ahnen können wie recht er hatte.

  • Wie sagte doch eine befreundete hochrangige Psychiaterin: "Ich habe Merkel gewählt, weil die so elegant Männer abservieren kann" Hier liegt die Ursache des Wahnsinns, der unser Land zerstört

  • Politikerinnen werden in Deutschland wieder seltener...Was für ein Glück, eine Frau Schadenskanzler reicht.

  • "Das Dieselprivileg muss weg"
    Liebes Handelsblatt, warum öffnet ihr nicht bei dieser Schlagzeile die Kommentarfunktion?

  • Solange Politiker (-innen) kompetent und gestzestreu sind, ist mir ihr Geschlecht, ihre sexuelle Orientierung und dergleichen ziemlich schnuppe. Allerdings hapert es den derzeit Verantwortlichen in diesem Lande für meinen Geschmack doch allzu stark an den erstgenannten Eigenschaften.

  • Es mag altbacken erscheinen : Aber die permanente Gender Diskussion - nun über den zu geringen Anteil von Frauen in der Politik - hängt wohl vielen zum Halse heraus und verdeckt das eigentliche Problem, nämlich die Frage nach der fachlichen wie persönlichen Kompetenz und Glaubwürdigkeit in der Politik, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht.
    Dabei verwundert umso mehr, daß die geschlechtsspezifische Zuschreibung bestimmter Attribute in einer Zeit stattfindet, die sich ansonsten - zu Recht - gegen die schablonenhafte Attestierung bestimmter Merkmale unter dem Stichwort des Kampfes gegen Vorurteile wendet.
    So kämen wohl auch die eifrigsten Verfechter einer Quotenregelung kaum auf die Idee, der amtierenden Verteidigungsministerin ob ihres Geschlechts eine besondere Empathie zuzuschreiben, also eines Attributs, welches Frauen heutzutage gern generell attestiert wird.
    Umgekehrt dürften selbst die übrig gebliebenen Vertreter einer männlich dominierten Gesellschaft nicht den geringsten Zweifel an der Durchsetzungsfähigkeit der Kanzlerin hegen.
    Es ist vielmehr an der Zeit - gerade auch in der Politik - sich mehr der Frage zuzuwenden, welche persönlichen und fachlichen Qualitäten Menschen auszeichnen sollten, die sich um ein Amt bewerben. Der zum Teil verlorenen Glaubwürdigkeit in der Politik würde dies sicherlich bekommen - unabhängig von der Frage des Geschlechts, der Abstammung, der Hautfarbe etc. etc.

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