Zum Bundestagswahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Wahl-o-Mat-Alternative im Test
Im Tinder-Style zur Traumpartei

„Meine erste Wahl“ will jungen Menschen eine Orientierung für die Entscheidung bei der Bundestagswahl am 24. September bieten. Dafür setzt sie auf das Tinder-Prinzip. Der Handelsblatt-Erstwähler hat die App getestet.
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Nach rechts wischen, um der Aussage zuzustimmen, nach links wischen, um die Aussage zu verneinen. So einfach funktioniert die App „Meine erste Wahl“, die jungen Wählerinnen und Wählern dabei helfen soll, am 24. September bei der Bundestagswahl die richtige Entscheidung zu treffen. Die Bedienung der App erinnert stark an die Datingapp Tinder, bei der durch swipen potentielle Partner bewertet werden. Doch wie unterscheidet sich die App von der Konkurrenz, wie der bekannten Entscheidungshilfe Wahl-O-Mat? Lohnt es sich die App zu testen?

Nach einer kurzen Einführung erscheinen in der App hauptsächlich Äußerungen einzelner Parteien zu Wahlthemen. Teilweise werden auch Bilder einzelner Politiker mit ihrer Parteifunktion gezeigt. Diese muss anhand von eigenen Vorkenntnissen bewerten. Kennt der User die Politiker nicht, kann er über den Info-Button eine Websuche starten.

Doch wie sollen politisch eher ungebildete Jugendliche, an die die App gerichtet ist, Politiker bewerten, von denen sie zuvor noch nie gehört haben? App-Entwickler Ingo Böhme sagt, man könne beispielsweise schnell an Hand der Ausstrahlung entscheiden, ob man die betreffende Person sympathisch findet oder nicht.

Nach der Entscheidung, ob man eine Aussage richtig und einen Politiker gut findet, zeigt die App ein sofortiges Feedback in Form eines Säulendiagramms an. Dieses zeigt, welche Parteien mit den eigenen Ansichten am ehesten übereinstimmen und eher von der eigenen Meinung abweichen.

Oft scheint es jedoch so, als würde man durch das swipen lediglich das Ranking einer einzelnen Partei verändern. Böhme aber widerspricht, ähnliche Aussagen von unterschiedlichen Parteien würden mehrfach auftreten, um zu garantieren, dass alle Parteien im Ranking vertreten sind. In der neusten Version der App, die kommende Woche erscheint, soll es dem User dann auch möglich sein, das Ranking in einzelne Kategorien zu unterteilen. So könne man beispielsweise das Ranking nur auf politische Aussagen oder nur auf Politiker beziehen. Außerdem sollen dann auch Wahlplakate bewertbar sein.

Schon jetzt findet man auf der Webseite (https://dlex.de/index.html) der App-Entwickler Statistiken zu den Resultaten der Nutzer. Die beliebtesten Politiker der Nutzer sind zurzeit Merkel, Lindner und Gysi. Laut Böhme haben aber alle Politiker in der App mehr negative als positive Stimmen erhalten. Die Führenden haben somit nur die wenigsten negativen Stimmen bekommen

Hat man schon einen größeren Teil der über 300 Fragen beantwortet, zeichnet sich ein Bild ab, welche Partei die richtige für einen zu sein scheint. Böhme sei beim Ranking vor allem Fairness wichtig. Alle Parteien würden gleich gewichtet, auch wenn von einzelnen Parteien mehr Aussagen als von anderen in der App verfügbar sind. Er habe die App entwickelt, um eine lebendige Alternativen zum „subjektiven Eindruck“ des Wahl-O-Mats zu schaffen. Mit über 300 Kärtchen biete die App mehr Datenmaterial als der Wahl-O-Mat. Die App solle „spielerisch“ sein, jedoch auch einen „Lerneffekt“ hinsichtlich der politischen Bildung mit sich bringen. Tatsächlich nehmen sich mehr als die Hälfte der User die Zeit, den riesigen Aussagenkatalog vollständig durchzuarbeiten. Die App ist seit gut sechs Wochen im App Store von Apple erhältlich und hat mittlerweile rund 10.000 User.

Das Programm bietet eine gute Orientierung, aber bei der Wahlentscheidung sollte man sich nicht alleine auf das angezeigte Ergebnis verlassen. Es ist jedoch ein guter Startpunkt für junge Wähler, um sich bestimmte Parteien und Inhalte nochmal genauer anzuschauen.

Mein persönliches Fazit: Als Erstwähler hat mir die App nur bedingt weitergeholfen. Welche Partei ich sicher nicht wählen werde, war mir vorher zwar schon klar, aber die App hat das nochmal bestätigt. Mein Endergebnis zeigt, drei Parteien stimmen mit meiner Meinung am ehesten überein und liegen im Ranking relativ nah beieinander. Jetzt liegt es an mir, die Wahlprogramme dieser Parteien zu vergleichen. Bei welcher ich am 24. September mein Kreuz setzen werde, lasse ich mir noch offen.

Das Konzept der App ist gut und ich denke, dass sie jungen Wählern helfen kann, sich einen groben Überblick über die teils mehrere Hundert Seiten langen Wahlprogramme zu verschaffen. Für Nutzer, die dazu tendieren, nicht eine der größeren Parteien zu wählen, ist die App jedoch sinnlos. Es werden nur CDU, SPD, Grüne, Linke, Piraten und die AfD gelistet. Das grundlegende Prinzip der App unterscheidet sich vom Wahl-O-Mat, da die App nicht eigene Aussagen nimmt und die Parteien dazu befragt, sondern direkt die Aussagen der Parteien aufgreift. Ich würde die App zwar nicht als Wahl-O-Mat Ersatz handeln, sie hilft jedoch, sich noch ausführlicher zu informieren und ist eine gute Ergänzung, um die Traumpartei zu finden.

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