Wahlpartys
Wenn selbst die Verlierer jubeln

Deutschland hat gewählt und die Parteien feiern – zumindest die meisten. Wie reagiert die SPD auf ihre Pleite? Was sagen die Anhänger von CDU und AfD? Unsere Reporter berichten über ihre Erlebnisse in den Parteizentralen.
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Nachdem die ersten Zahlen veröffentlicht sind, wenden sich die Parteigrößen an ihre Anhänger. Unsere Redakteure waren dabei, als die führenden Wahlkämpfer ans Pult treten. Hier berichten sie von ihren Erlebnissen.

Bei der SPD

Als um 18 Uhr der Balken bei gut 20 Prozent stehen bleibt, herrscht Geisterstimmung in der SPD-Parteizentrale. Kein Aufstöhnen, kein Jammern, kein Fluchen. Auch als kurz wenige Augenblicke später die erste Prognose die AfD bei gut 13 Prozent sieht, ist von den Genossen ebenfalls nichts zu hören. Wieder: gespenstische Stille.

Etwas später dagegen lauter Applaus. Martin Schulz hat die Bühne erklommen, die Begeisterung über den Parteichef ist zumindest im Willy-Brandt-Haus noch vorhanden. Der SPD-Kanzlerkandidat wird mit „Martin, Martin“-Rufen empfangen. Als Schulz verkündet, dass die große „Koalition mit diesem Abend beendet ist“, brandet Jubel auf, als hätte die SPD gerade die Wahl gewonnen.

Für die SPD gilt nach dem historischen Wahldebakel: Bloß keine vorschnellen Schlüsse ziehen. In drei Wochen wird in Niedersachsen ein neuer Landtag gewählt. Es ist das letzte große Flächenland, das noch von der SPD regiert wird. Wenigstens dieses Land will die Partei noch verteidigen, auch wenn es ebenfalls nicht gut aussieht. Bis dahin will die Partei kein chaotisches Bild abgeben.

Schon vergangenen Montag soll die engere Parteiführung deshalb bereits entschieden haben, bei einem Wahldebakel von gut 20 Prozent in die Opposition zu gehen. Auch Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) plädierte dafür, sich auf die Arbeit in der Opposition einzurichten. Andere Überlegungen seien angesichts des Ergebnisses abwegig, sagte er dem Handelsblatt. Auch warnte Müller vor einer verfrühten Personaldebatte. „Es geht jetzt nicht darum, darüber zu streiten, wer an der Spitze der Partei steht, es muss um Inhalte gehen.“

Doch einige Personalien hat die SPD zumindest vorläufig festgezurrt. Den Fraktionsvorsitz im Bundestag wird wohl Andrea Nahles übernehmen, die an der Seite von Schulz auf der Bühne im Willy-Brandt-Haus steht und sich als einzige ein zumindest gequältes Lächeln abringen kann. Am Montagmorgen will Schulz einen Vorschlag vorlegen. Schulz selbst kündigte an, Parteichef bleiben zu wollen. Diesen Anspruch stellte am Wahlabend niemand in Frage. Aber ob Schulz sich über den Parteitag im Dezember hinaus halten kann, gilt als fraglich.

In der Stunde ihrer größten Krise wirkt die SPD damit zumindest halbwegs sortiert. Doch dass vorerst niemand die Verantwortung für das Wahldebakel übernehmen will, kommt nicht bei allen Parteimitgliedern im Willy-Brandt-Haus gut an. Ein Bundestagsabgeordneter kann kaum an sich halten, als die SPD-Führungsriege die Bühne betritt. „Die müssten alle geschlossen zurücktreten“, sagt er zu seinem Nebenmann. „Die sollten sich ein Beispiel an Hannelore Kraft nehmen, die hat Verantwortung in NRW übernommen. Alles andere ist doch keinem zu vermitteln.“

Ein einfaches Parteimitglied weiter hinten sieht das genauso. „Haut ab“, ruft er in die Schulz-Rede hinein, dringt aber nicht bis zur Bühne durch. Andere sind einfach nur traurig. Als ein Mitarbeiter im Willy-Brandt-Haus aus seinem Büro die Treppe herunterkommt, fällt er unten im Foyer einer Kollegin in die Arme. „Es ist einfach nur schlimm“, sagt er. „Ja, nur schlimm“, sagt sie.

Martin Greive, Heike Anger, Klaus Stratmann

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