Bundestagswahlkampf
„Keine Experimente“ statt „Yes, we can“

John Kornblum kennt Deutschland wie kaum ein anderer Amerikaner. Als Botschafter, Buchautor und Berater internationaler Unternehmen hat sich der Wahl-Berliner mit ostpreußischen Vorfahren hierzulande einen Namen gemacht. Als kritischer Beobachter vermisst er im Wahlkampf 2009 den Wagemut der Deutschen.

BERLIN. Der aktuellen Wahlkampf ist ein "Zeichen von Hoffnungslosigkeit", meint Kornblum ganz undiplomatisch offen. Die Bundeskanzlerin setze "ausschließlich auf Stabilität", moniert er, ganz so, als hätte sie "Angst vor dem Wähler". Kaum Debatten, kaum Themen, kaum Streit in der Sache.

Dieser Stil kommt ihm bekannt vor: Konrad Adenauers Parole "Keine Experimente" findet Kornblum "typisch deutsch". Er wundert sich, dass diese "alte Warnung vor Wagemut" auch heute noch den Wahlkampf im modernen Deutschland prägt. Da passt es ins Bild, dass Merkel fast ein halbes Jahrhundert nach Adenauer unverdrossen in dessen alter Eisenbahn "Rheingold" durch die Lande dampft.

Ganz anders sei Barack Obama verfahren, erinnert Kornblum. Die Terroranschläge und die Finanzkrise "haben zwar überall in der ganzen transatlantischen Gemeinschaft zu einem Verlust an Selbstvertrauen und Hoffnung geführt und die Welt in einem verwirrten Zustand hinterlassen", so Kornblum. "Aber Obama hat diese Defizite verstanden. Er hat auf Selbstvertrauen und auf neue Hoffnung gesetzt und damit gewonnen." Auch wenn der US-Präsident "jetzt vor den vielen großen Krisen steht, die er von George Bush geerbt hat", sei sein Slogan "Yes, we can" doch eine ganz andere Botschaft als "Keine Experimente".

Kornblum hofft, dass die nächste Bundesregierung den Amerikanern bei der "dringend notwendigen Suche des Westens nach einer neuen Orientierung hilft". Die heute noch gültigen Strukturen der Nachkriegszeit reichen nicht mehr aus, findet der frühere Botschafter: "Sie sind überholt." Die Vereinigten Staaten seien immer noch stark, die Europäische Union sei immer noch wohlhabend - aber "beide sind nicht mehr in der Lage, alleine die wichtigsten Probleme wie Finanzkrise, Klimawandel, Terror und Entwicklungen wie im Irak, in Iran, Nordkorea und Afghanistan in den Griff zu bekommen". Die im Zuge der Finanzkrise fast spontan erfolgte Bildung der G20 als neues Weltlenkungsgremium zeige exemplarisch die Notwendigkeit, traditionelle Strukturen zu erneuern.

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