Bundestagswahlkampf
Steinmeier punktet im TV-Duell

Angela Merkel erwischte einen schlechten Start gegen einen gut aufgelegten SPD-Kanzlerkandidaten. Am Ende siegte Frank-Walter Steinmeier im TV-Duell mit leichtem Vorsprung. Nach ersten Umfragen punktete der Vizekanzler vor allem bei den noch unentschiedenen Wählern. Für den 27. September kann das entscheidend sein.

BERLIN. Die Kanzlerin hatte sich fest vorgenommen, ruhig zu bleiben und wie gewohnt sachlich zu argumentieren. Wenn ihr "Watte-Wahlkampf" bisher schon kein Duell war und sie dennoch in allen Umfragen vorne liegt - warum sollte sie diese Strategie im Berliner Fernsehstudio ändern?

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hingegen musste auf Angriff setzen. Hatte er bis jetzt die Kanzlerin noch nicht richtig zu fassen bekommen, so wollte er an diesem Abend vor 20 Millionen Zuschauern seine letzte Chance nutzen. Er nutze sie - nach allen Blitzumfragen am Ende des Abend ging er als leichter Sieger aus dem Fernsehstudio hinaus.

Am Anfang waren die beiden Kontrahenten viel zu pfleglich miteinander umgegangen. "Die Vergangenheit war nicht schlecht", sagte Merkel und fand damit die Zustimmung ihres Vize, der ebenfalls betonte, "die Große Koalition hat gute Arbeit geleistet". Schon nach wenigen Minuten klagten die vier Moderatoren darüber, dass sich ein "Duett statt ein Duell" anbahne. In der Tat - immer wieder ergänzten sich die Noch-Regierungspartner freundlich gegenseitig. "Ich darf noch etwas hinzufügen", lautete die Floskel der ersten Minuten.

Steinmeier war zu Beginn nervös, verhaspelte sich gleich bei der ersten Antwort. Doch nach einem holprigen Start fing sich der Kanzlerkandidat schnell, schaltete auf Angriff um und überraschte das Publikum mit ungewohnt souveräner Schlagfertigkeit. "An vielen Stellen sind wir gescheitert, weil die CDU nicht mitgezogen hat", begann er seine Offensive. Immer wieder schaffte es der Außenminister, die wichtigsten SPD-Themen direkt in die Debatte einfließen zu lassen: Mindestlöhne, Managergehälter und die Rückabwicklung des Atomausstiegs - das sind die Kontrapunkte, mit denen die SPD wieder Boden gutmachen will. Auch die Präsentation war ungewohnt prägnant: Offenbar hatten es die vielen Berater des Kanzlerkandidaten geschafft, ihm die verschachtelten Endlossätze auszutreiben. "Frank kann jetzt auch kurz", schmunzelte ein Spin-Doctor der Genossen nach dem Duell erleichtert.

Merkel dagegen tat sich schwer in der ersten Hälfte und fand auch in den zweiten 45 Minuten nicht so recht in die Debatte hinein. Die Kanzlerin zitierte Ludwig Erhard und die Fragen der neuen Sozialen Marktwirtschaft, schaffte es aber nicht, von Phrasen wie dem "Staat als Hüter der Ordnung" auf griffige und lebensnahe Beispiele wie etwa die geringe Entlohnung der Berliner Friseure überzuleiten. Dafür, dass ein Massenpublikum angesprochen werden sollte, formulierte Merkel doch recht kompliziert und unklar. Steinmeier fand zu Beginn auch deshalb besser in die Debatte, weil er als Sozialdemokrat bei den Themen Managergehälter und Mindestlohn stärker angreifen und auch rhetorisch klarer auftrumpfen konnte. Die nach dem Verzehr von Backwaren fristlos gekündigte Verkäuferin kontrastierte der SPD-Kanzlerkandidat routiniert mit Beispielen von Managern, die trotz schlechter Ergebnisse noch Millionenabfindungen kassieren konnten. Steilvorlagen der Moderatoren, ab wann ein Managergehalt "unanständig" sei, nutzte Merkel erst auf Nachfrage, indem sie auf die Millionengage von Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick für nur sechs Monate Arbeit verwies.

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