Bundesverfassungsgericht
„Gremium zur Euro-Rettung ist verfassungswidrig“

Das oberste Gericht hat das kleine Geheimgremium des Bundestages, das Eilentscheidungen zur Rettung von Euro-Staaten treffen soll, als „überwiegend verfassungswidrig“ gerügt. Nun muss die Koalition rasch nacharbeiten.
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KarlsruheBundestagsabgeordnete müssen an Entscheidungen zur Euro-Rettung stärker beteiligt werden. Der Bundestag darf dies nicht auf Kleinstgremien übertragen, entschied das Bundesverfassungsgericht in einem am Dienstag verkündeten Urteil. Lediglich über den Kauf von Staatsanleihen an den Börsen durch den Euro-Rettungsschirm EFSF dürfe in einem neunköpfigen Sondergremium befunden werden. Für alle Entscheidungen darüber hinaus müsse das Sondergremium größer werden und die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag widerspiegeln. In seiner bisher geplanten Zusammensetzung verstoße das Sondergremiums in weiten Teilen jedoch gegen das Grundgesetz, urteilte der 2. Senat.

Einen Tag nach der Zustimmung des Bundestages zum zweiten Griechenland-Paket rügte das Bundesverfassungsgericht damit das Verfahren für künftige Rettungsmaßnahmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Bundestag zwar eine Mehrheit für die Griechenland-Hilfe errungen. Sie hatte dabei aber die Kanzlermehrheit verloren. Die SPD spricht von einem "Scherbenhaufen", die Koalition will den Fehler mit einer Nachbesserung kurzfristig ausbügeln.

Die Regierungskoalition kündigte sofort an, das Gesetz zur Bundestagsbeteiligung zügig anzupassen. Der haushaltspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Norbert Barthle, sagte, er sei erleichtert, dass das Gremium zumindest bei Sekundärmarktkäufen verfassungsgemäß sei. Nach der Prüfung der Urteilsgründe würde das Gesetz selbstverständlich geändert.

Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert, der am Morgen noch die alte Regelung verteidigt hatte, stellte zügige Nachbesserungen in Aussicht. Er sei davon überzeugt, dass das Parlament den ursprünglichen Vorschlag „in einer vernünftigen Zeit“ überarbeiten werde, sagte der CDU-Politiker. Nach seiner Einschätzung brauche es „keine größeren Änderungen“ in dem zugrunde liegenden Gesetz. Die Handlungsfähigkeit des Bundestags müsse „auch in turbulenten Zeiten“ sichergestellt werden, sagte Lammert. Grundsätzlich habe das Gericht aber „erneut das Recht und die Pflicht des Deutschen Bundestages“ unterstrichen, über die wesentlichen Elemente der Euro-Rettungspakte zu entscheiden. „Ich persönlich finde die vom Bundesverfassungsgericht getroffene Entscheidung nicht nur nachvollziehbar, sondern auch in der Sache überzeugend.“

Bei der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ging es konkret um die Frage, ob dringende Hilfsmaßnahmen für Euro-Staaten über den Rettungsschirm EFSF von dem geheim tagenden Gremium aus nur neun Bundestagsabgeordneten beschlossen werden dürfen. Dagegen hatten zwei SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Danckert und Swen Schulz geklagt.

Das Gericht gab ihnen weitgehend Recht und erklärte damit eine wichtige Verfahrensregel für die deutsche Beteiligung an Maßnahmen des EFSF im Wesentlichen für unwirksam (2 BvE 8/11). Die Verlagerung von eiligen Entscheidungen auf das Sondergremium schließe sie von Entscheidungen aus und verletze deshalb ihre Abgeordnetenrechte, hieß es zur Begründung.

Für den Euro-Rettungsschirm EFSF garantiert Deutschland mit bis zu 211 Milliarden Euro, der Euro-Ländern mit bis zu 440 Milliarden Euro beispringen kann. Unter anderem kann er gegen strenge Auflagen Rettungskredite
vergeben, bei der Bankenrekapitalisierung helfen oder durch den Kauf von Staatsanleihen deren Kurse an den Börsen stabilisieren. Der EFSF stützt bereits Irland und Portugal. Auch das zweite Hilfspaket für Griechenland soll vom EFSF finanziert werden.

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Mini-Gremium nur für Ankäufe von Staatsanleihen zulässig

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  • Schwachsinn ! Wieso sollen denn über 600 ahnungslose darüber mitentscheiden ?

    Lieber eine kleine und schlagkräftige Kompetenz-Elite !

  • @hardy
    Folgt man Ihrem Hinweis liest man unter Teil II:
    Die in Deutschland geltenden völkerrechtlichen Übereinkünfte und Verträge, die zu ihrer Inkraftsetzung erlassenen Rechtsvorschriften sowie damit zusammenhängende Bekanntmachungen werden im Bundesgesetzblatt Teil II verkündet.

    Unter dem Stichwort "Völkerrechtlicher Vertrag":
    (https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerrechtlicher_Vertrag#Vertragsverhandlungen_und_-unterzeichnung

    "Internationales Vertragsrecht
    Das Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge (Vienna Convention on the Law of Treaties, VCLT) vom 22. Mai 1969 schrieb einerseits das bisherige Völkerrecht zu Verträgen fest und ergänzte es nur geringfügig. Dennoch haben die USA diese Konvention, die am 27. Januar 1980 in Kraft getreten ist, nicht ratifiziert, doch fühlen sie sich, insoweit sie nur Ausformulierung vorher bestehenden Rechtes ist, daran gebunden."

    Ja, hat jetzt die USA den Friedensvertrag mit uns unterzeichnet oder nicht?

    Das hat nicht mit linker, rechter oder sonstiger Gesinnung zu tun. Was ist (die) Sache?

  • PS: Ich besitze eine Kopie Ihrer Ausführungen und kann Sie, wenn Sie das wünschen, in Ihrem Namen neu posten ...

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