Bundeswehr in Afghanistan
Über die inneren Kämpfe deutscher Soldaten

In Afghanistan werden die Gefechte der Bundeswehr mit den Taliban zusehends heftiger. Gerade erst fielen wieder drei deutsche Soldaten im Einsatz. Mit der Intensität der Kämpfe wächst bei den Truppen auch die Notwendigkeit der pychologischen Betreuung. Doch für die benötigte Hilfe mangelt es bisher vor allem an einem: Fachpersonal.
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KOBLENZ. Verräterische Hände. Sein Oberkörper ist ganz ruhig, aber seine Hände kneten einander unaufhörlich. Er hört wieder das Flap-Flap der Rotorblätter. Von einer auf die andere Sekunde war alles anders. Der Unfall, er am Steuerrad, der verletzte Kamerad. Die Minuten, in denen sie auf den Rettungshubschrauber warteten. Eine Ewigkeit. Die fliegenden Sanitäter waren ohne Ortungssystem unterwegs, er musste sie per Gehör lotsen. Jetzt, Monate danach, fühlt er sich noch immer verantwortlich, obwohl ihn der Untersuchungsbericht von jeder Schuld freigesprochen hat.

Ursula Simon, die Psychiaterin, fragt sanft. Wie geht es ihm heute?

Nicht gut.

Im Ergotherapie-Raum war es zu warm, zu laut, plötzlich hat einer gegen irgendetwas geschlagen, und da war er wieder, der Helikopter in seinem Kopf. Der Mann darf in dieser Geschichte keinen Namen haben, das gebietet seine Scham. Denn sein Problem darf es eigentlich nicht geben. Er ist Soldat, zurzeit allerdings stationiert im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz. Er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS.

Zu Wilfried Lerf kommen Männer wie er meist zuerst. Lerf, 30 Jahre Bundeswehr, durchtrainierter Körper, Tarnanzug. Ende März ist Lerf mal wieder aus Afghanistan zurückgekehrt. Auf seiner Ausbildungsurkunde steht: "Er kann stabilisierende Einzel- und Gruppengespräche zur Prävention von Psychotraumen durchführen." Lerf hat viel zu tun. Am Tag des Interviews mit ihm stirbt einer seiner Kameraden in Afghanistan. Die Lage dort wird immer heikler. Am Dienstag sind nach den bisher heftigsten Gefechten mit Taliban nahe Kundus im Norden wieder drei deutsche Soldaten umgekommen, drei von 35.

Wolfgang Petersen leidet und mit ihm seine Frau. Sie leiden an der Bundeswehr. Petersen, 48 Jahre alt, ist seit 1979 bei der Armee, als Chirurg, Spezialist für Unfälle und Verbrennungen. Er war in Kambodscha, im Kosovo. "Im Libanon", ergänzt seine Frau. In Afghanistan. Irgendwann hat er angefangen, aufzubegehren und ein Problem anzuprangern, das er seit langem sah: ärztliche Unterversorgung. Nun gibt er auf, er wird bei der Bundeswehr kündigen. "Ich will mich nicht aufreiben", sagt er.

Simon, Lerf und Petersen: Sie alle sind Begleiter von Soldaten, die den Weg zurück in ein körperlich und psychisch gesundes Leben suchen, in ihr Leben vor dem Krieg. Ihr Job ist krisensicher, weil es immer mehr Krisen auf der Welt gibt, in die die Bundeswehr hineingezogen wird. Es ist ein asymmetrischer Kampf, wenn man so will. Denn die Zahl der Hilfsbedürftigen wächst rasant, die Helfer werden immer weniger. Und es sind nicht mehr nur Soldaten, die mit Traumata und psychischen Problemen aus dem Krieg zurückkehren. Auch die Betreuer leiden inzwischen unter Belastungsstörungen. Die Krankheit scheint sich durchzufressen, von unten nach oben, von den Soldaten zu den Helfern.

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