Bundeswehr
Strecken, schieben, streichen

Insider nennen sie schon die „Das-machen-wir-auch-noch-Armee“: Die Bundeswehr ist überstrapaziert, unterfinanziert und ächzt unter einer Militärbürokratie, die in Kabul dieselben Standards durchsetzen will wie in Koblenz oder Kiel. Ein Handelsblatt-Report aus dem Schützengraben.

BERLIN. „Angriff jeeetzt!“ knarzt der Befehl des Kommandeurs im Lautsprecher. Die geballte Feuerkraft der blauen Artillerie donnert in das Wäldchen, wo die rote Einheit Deckung sucht. Wie ein riesiger Vertikutierer pflügt ein Räumpanzer vom Typ „Keiler“ durch eine Minensperre. Nach 20 Minuten Gefecht hat Blau mit seinen Pionieren gesiegt: Das bayerische Dorf Wettstetten, dessen Kirchturm in der Ferne grüßt, ist sturmreif. Schützenpanzer rasen Richtung Dorf. Die Trainingseinheit auf dem Übungsplatz Hepberg ist beendet. Wäre Krieg, hätte die alte Bundeswehr die Heimat erfolgreich verteidigt – wieder einmal.

Auch in Faisabad, Afghanistan, wird die Heimat verteidigt. An dem entlegendsten ihrer neun Auslandseinsatzorte ist sie Teil einer internationalen Friedenstruppe. Die deutschen Soldaten quälen sich durch Hitze und Staub, fahren Patrouille, treiben den Wiederaufbau voran. Manchmal bezahlen sie dafür mit ihrem Leben. Wie am Montag, als ein Selbstmordattentäter in Afghanistans Hauptstadt Kabul mit seiner Bombe ein Fahrzeug der Bundeswehr rammt. Zwei Bundeswehrsoldaten werden schwer verletzt, der 44-jährige Oberstleutnant Armin Franz stirbt. Am Mittwoch Abend wurde sein Leichnam auf dem Flughafen Köln/Bonn mit militärischen Ehren empfangen.

Hepberg und Faisabad: Hier übt die alte Bundeswehr, dort patroulliert die neue. Es sind zwei Herzen, die in der Truppe schlagen, die Franz Josef Jung, der neue Verteidigungsminister der großen Koalition, nächste Woche übernimmt. Was die Bundeswehr „Transformation“ nennt, ist der Versuch, den beiden Herzen den gleichen Takt vorzugeben.

Als wenn das nicht schon genug wäre, muss die „Das-machen-wir-auch-noch-Armee“, wie ein Insider die Truppe nennt, die Operation in vollem Lauf durchführen – und sie bekommt dafür viel zu wenig Geld. Unterfinanziert, überstrapaziert und überbürokratisiert ist die Bundeswehr.

Loyal haben die Soldaten ihre Truppe umgebaut – von einem stehenden Wehrpflichtheer hin zu einer mobilen Streitmacht. „Eine neue Bundeswehr zeichnet sich ab“, lobte Bundespräsident Horst Köhler zu ihrem 50. Geburtstag. Dennoch hat der neue Minister Franz Josef Jung einen der schwierigsten Posten im Kabinett – eine Rundreise durch sein neues Reich.

Ein Morgen im Kreiswehrersatzamt Berlin-Treptow, dem größten der Republik: Erbarmungslos redet der Berater auf den Abiturienten im weißen T-Shirt ein. Der scharrt mit den Füßen auf dem grünen Teppich. Kosovo. Afghanistan. „Es geht in Krisengebiete. Mit allen Risiken“, sagt der Berater. „Ich rate Ihnen, sprechen Sie mit Ihren Freunden.“



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