Bundeswehr
„Von Todesangst bis Langeweile“

Nach makabren Fotos aus Afghanistan und der Debatte um einen Rückzug aus Bosnien wächst die Kritik an den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Nach Meinung von Experten sind die Soldaten überfordert und frustriert. Warum das so ist, erklärt ein ehemaliger Bundeswehr-Psychologe im Handelsblatt.com-Interview .

DÜSSELDORF. „In Bosnien herrscht unter den Soldaten Frust über die Sinnlosigkeit des Einsatzes“, sagte Hadding gegenüber Handelsblatt.com. In Afghanistan seien die Soldaten dagegen mit extremen Situationen etwa nach Selbstmordanschlägen konfrontiert. „Die Spannbreite psychischer Belastung reicht von Todesangst bis Langeweile.“

Beides führe auf Dauer zu Abstumpfung und Frustration. Ein Soldat, der zum wiederholten Mal auf einen Auslandseinsatz geschickt wird, schalte ab, wenn er immer wieder einen Vortrag zu Umgang mit Verletzung und Tod hört. Eine Verkürzung der Dauer von Auslandseinsätzen helfe nicht. „Die Soldaten wollen lieber lang und dafür selten ins Ausland.“ Die häufigen Einsätze seien einfach zu viel.

Auch Außenamts-Staatsminister Gernot Erler wies darauf hin, dass die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr nicht unendlich erweiterbar sei. „Wir wollen die Aufträge, die wir machen, wirklich verlässlich und erfolgreich durchführen. Da kann man bei den Quantitäten nicht dauernd erweitern.“, sagte Erler im Deutschlandradio Kultur. Während im Kosovo eine Diskussion über die Präsenz der Bundeswehr eher schädlich sei, könne für Bosnien-Herzegowina durchaus über eine Reduktion nachgedacht werden. Dort sei die Lage seit längerem stabil, so dass Streitkräfte durch Polizei ersetzt werden könnten.

Die SPD-Wehrexpertin Ulrike Merten hingegen hält die Bundeswehr nicht für überlastet. Merten wies im Südwestrundfunk auf das neue sicherheitspolitische Weißbuch hin, nach dem bis zu 14 000 Soldaten für Auslandseinsätze aufgeboten werden könnten. Derzeit seien knapp 10 000 deutsche Soldaten im Auslandseinsatz, sagte die Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses. Es sei deshalb „unglücklich“, zwischen dem angekündigten Rückzug aus Bosnien-Herzegowina und den Aufgaben der Bundeswehr an anderen Orten einen Zusammenhang entstehen zu lassen.

Unterdessen haben drei Soldaten aus einer Kaserne im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg haben nach Angaben der Bundeswehr zugegeben, in Afghanistan Aufnahmen mit Skelettteilen gemacht zu haben. „Die Verantwortlichen haben den Fall rückhaltlos eingestanden, zeigten sich reumütig und zerknirscht über den Vorfall“, sagte der Kommandeur der Panzerbrigade 18, General Christof Munzlinger, den „Lübecker Nachrichten“.

„Fest steht, dass die Kameraden versagt haben, das Ansehen der Bundeswehr kolossalen Schaden genommen hat und die Gefährdung unserer Truppen in Afghanistan unverzeihlich ist“, sagte Munzlinger.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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