Bundeswehr: Wehrbeauftragter kritisiert Führungsversagen

Bundeswehr
Wehrbeauftragter kritisiert Führungsversagen

Die Bundeswehr hat nicht nur auf der Gorch Fock ein Führungsproblem, sagt der Wehrbeauftragte. Und damit hat auch der Verteidigungsminister ein Problem: Er gerät in der Affäre immer mehr unter Druck.
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BerlinDer Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, kritisiert erhebliche Mängel im Führungsverhalten bei der Bundeswehr. „Insbesondere jungen Mannschaftsdienstgraden und unerfahrenen Vorgesetzten fehlt es bisweilen an Wissen und Gespür dafür, wann die Grenzen zum Dienstvergehen beziehungsweise zur Straftat überschritten werden“, bemängelte Königshaus in seinem am Dienstag vorgestellten Jahresbericht. „Hierzu gehören insbesondere rüde Umgangsformen und herabmindernde Äußerungen“, schreibt Königshaus.

Unterdessen wurden neue Vorwürfe gegen die Stammbesatzung des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ bekannt: Offiziersanwärter hätten sich bei Königshaus über massive Alkoholexzesse der
Stammbesatzung beklagt, berichtete „Spiegel Online“. Kadetten hätten danach das Erbrochene der Offiziere vom Deck schrubben müssen. Ein Besatzungsmitglied habe den Offiziersanwärtern im
Rausch sogar mit dem Tod gedroht.

Ein Kadett habe auch über sexuelle Nötigung berichtet, hieß es weiter. Mehrere Besatzungsmitglieder hätten ihn im Hafen von Las Palmas in der Dusche angesprochen. Es sei „auf dem Schiff
ähnlich wie im Knast, jeder Neue muss seinen Arsch hinhalten“.

Daraufhin hätten sie eine Shampoo-Flasche auf den Boden geworfen und ihn aufgefordert, sich danach zu bücken. Darüber hinaus enthalte ein neunseitiger Bericht von Königshaus auch Hinweise,
dass die Marine sowohl Kadetten als auch Stammbesatzung vor dem Einsatz auf der „Gorch Fock“ nicht ausreichend getestet habe.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg soll sich nach dem Willen der Opposition am Mittwoch im Wehrausschuss zu den Affären um die „Gorch Fock“, geöffnete Feldpost und den Tod
eines Soldaten in Afghanistan äußern. Die Zukunft der „Gorch Fock“ ist nach den Vorfällen offen, ihren Kommandanten hatte Guttenberg am Freitag vom Dienst suspendiert, was auf Kritik
gestoßen ist.

Unterdessen kritisierte SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier das Krisenmanagement von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in der „Gorch Fock“-Affäre. Alles deute auf Führungsdefizite in Bundeswehr und Verteidigungsministerium hin, sagte Steinmeier am Dienstag in Berlin. Die vergangenen Tage hätten dafür bereits „etwas Anschauungsunterricht gegeben“.

Steinmeier zeigte sich insbesondere „irritiert, dass ein Verteidigungsminister, der am Freitag noch vorzeitige Konsequenzen ablehnt, übers Wochenende seine Meinung ändert“. Damit bezog er sich
offenbar auf die eilige Abberufung des „Gorch Fock“-Kommandanten Norbert Schatz.

Kritiker werfen Guttenberg vor, auf Druck der Boulevardpresse gehandelt zu haben. Zwar seien schnelle Entscheidungen prinzipiell begrüßenswert, sagte Steinmeier. Im aktuellen Fall seien aber die Ursachen der Meinungsänderung Guttenbergs zu hinterfragen.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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