Bundeswehreinsatz in Afghanistan
Weitere Attentate in Provinz Kundus befürchtet

In dem von der Bundeswehr kontrollierten Nordafghanistan und in der Stadt Kundus operieren terroristische Gruppen und von ihnen gesteuerte Selbstmordattentäter offenbar weitgehend ungehindert. Dies schränkt auch die Arbeit der deutschen und internationalen Wiederaufbauteams (PRT) zunehmend ein.

HB BERLIN. „Das PRT muss mit weiteren Attentaten in den kommenden Tagen rechnen“, heißt es in einem dem Handelsblatt vorliegenden internen Bericht, der von deutschen Stellen am 7. Juni von Kundus nach Berlin gesandt wurde. Unmittelbar zuvor hatte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung die deutschen Soldaten in Nordafghanistan besucht.

Der alarmierende Bericht ist vom Vertreter des Auswärtigen Amtes in Kundus verfasst und mit den militärischen Stellen vor Ort abgestimmt worden. Detailliert verweist er darauf, dass sich mittlerweile mehrere Terrorzellen im Norden festgesetzt zu haben scheinen. „Mehrere Gruppen mit Taliban-Hintergrund arbeiten in der Provinz Kundus weiter an Plänen, Anschläge durchzuführen. Selbstmordattentäter stehen augenscheinlich zur Verfügung“, heißt es in dem Schreiben vom 7. Juni. Zudem habe eine Gruppe mit Hizb-e-Islami-Hintergrund aus Bahlan Kontakt mit Aufständischen in Kundus. Es mehrten sich die Hinweise auf eine Zusammenarbeit dieser Gruppen mit organisierten kriminellen Gruppen und Oppositionspolitikern.

Ein entscheidender Grund für die angespannte Lage scheint das Verhalten der afghanischen Sicherheitsbehörden zu sein. Obwohl es sehr konkrete Hinweise auf terroristische Gruppen in den Nordprovinzen gebe, seien diese „allenfalls halbherzig bei der Sache“, heißt es in einem weiteren Bericht aus Kundus vom 3. Juni. Dabei seien vier im Norden agierende El-Kaida-Anführer sogar namentlich bekannt. „Wiederholte Hinweise auf Verstecke und Aufenthaltsorte werden aber nicht oder nur sehr zögerlich aufgegriffen.“ Ein weiteres Problem sei, dass in der Polizeiführung in der Provinz viele Stellen gar nicht besetzt oder die Amtsinhaber nicht präsent seien. Nach dem Jung-Besuch habe man aber Besserung versprochen. Unklar bleibt aber auch in den Berichten, wieso im Norden keine Antiterrorkräfte der internationalen Gemeinschaft zum Einsatz kommen.

Die angespannte und bedrohliche Lage wirkt sich mittlerweile auch auf die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) aus. „Fast alle EZ-Mitarbeiter sind der (unverbindlichen) Empfehlung des PRT gefolgt, ihren Urlaub vorzuziehen und haben Kundus und Taloqan verlassen“, heißt es in dem Bericht vom 7. Juni. Damit scheint die Taktik der radikalen Islamisten zumindest zum Teil aufzugehen: In ganz Afghanistan wollen sie durch gezielte Anschläge Angst und Schrecken verbreiten, um so die Aufbauarbeit der internationalen Gemeinschaft für die afghanische Bevölkerung zu behindern oder gar unmöglich zu machen. Die Bundesregierung hat aber betont, dass ein Abzug der Soldaten nicht in Frage komme.

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