„Bureaucrazy“ lichtet Behörden-Dschungel
Flüchtlinge entwickeln App für deutsche Bürokratie

Formulare ausfüllen, Belege anfügen, am richtigen Schalter einreichen: Wer sich in der deutschen Bürokratie nicht auskennt, verzweifelt schnell. Flüchtlinge haben nun eine App entwickelt, die Leidensgenossen helfen soll.

Berlin„Ich kannte niemanden, konnte kein Deutsch – ich wusste nicht mal, wo der Lidl ist!“, sagt Munzer Khattab lachend. Seit seiner Ankunft in Berlin im April 2015 hat der 23-jährige Syrer stundenlang auf Ämtern gewartet, unzählige Formulare mühsam übersetzt und ausgefüllt und ist sieben mal umgezogen.

Wie ihm geht es vielen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen: Registrierung bei Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Gang zu Ausländerbehörde, Jobcenter und Bürgeramt, Kranken- und Rentenversicherung – gefühlte tausend Formalitäten verketten sich zu einem scheinbar undurchdringbaren Wirrwarr an Bürokratie, angesichts dessen sich wohl auch mancher die Haare raufen würde, der der deutschen Sprache mächtig ist.

Munzer hat den Hindernisparcours durch die deutsche Bürokratie nach mehr als einem Jahr so gut wie überstanden – und nun hat er die Vision, dass es für Flüchtlinge in Zukunft ein bisschen einfacher wird. Er gehört mit fünf weiteren syrischen Flüchtlingen zu den Entwicklern von „Bureaucrazy“, einer App, die Neuankömmlingen in Deutschland den Weg durch den Behördendschungel weisen soll.

Geboren wurde die Idee zu „Bureaucrazy“ in der ReDi-School of Digital Integration. Das nicht profit-orientierte Berliner Start-up bietet seit Februar Programmier-Kurse für Flüchtlinge an. Hier haben Munzer und sein Bruder Mohammad Omar, Ghaith, Yazan und Ahmad kennengelernt und schnell festgestellt, dass die Komplexität der deutschen Verwaltung mit ihrer Vielzahl an Ämtern, Formularen und nicht zuletzt dem Beamtendeutsch für sie alle eine große Herausforderung war.

Dem Motto der ReDi-School „learn and apply“ folgend, sollen die Schüler die hier erlernten Fähigkeiten unmittelbar anwenden und unterstützt von ehrenamtlichen Mentoren technische Lösungen für ihre eigenen Probleme finden. „Bureaucrazy“ ist eines dieser Projekte. Wenn sie fertig ist, soll die App drei Funktionen haben: Übersetzung von Formularen ins Englische oder Arabische, Schritt-für-Schritt Erklärungen für bestimmte bürokratische Abläufe sowie Karten, die Neuankömmlingen den Weg zu den richtigen Ämtern weisen.

Bis vor einem halben Jahr hatten Munzer und die anderen jungen Syrer noch kaum Programmierkenntnisse. In seiner Heimatstadt Latakia hatte Munzer zwei Jahre Architektur an der Tichrin-Universität studiert. Sein Blick wird ernst, als der junge Mann von seinen Eltern und jüngeren Brüdern erzählt, die noch im vom Bürgerkrieg weitgehend zerstörten Syrien sind. Doch spricht er von seiner Arbeit an „Bureaucrazy“, lacht er alle Sorgen weg, seine dunklen Augen leuchten und er klopft sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, als wolle er sich selbst anfeuern. Man kann sich in diesem Moment vorstellen, wie viel ihm daran liegt, „Bureaucrazy“ zu verwirklichen.

Schon vor seiner Fertigstellung erntet das Projekt großes Lob. Im Juni wurde es mit dem 1. Preis des von der Europäischen Kommission und Facebook gesponserten Events „Start-Up Europe Summit“ ausgezeichnet. Seitdem haben die jungen Syrer viel positives Feedback bekommen. „Sogar meine Mentorin im Jobcenter hat gesagt, dass wir das unbedingt machen sollen“, erzählt Munzer stolz. „Das war eine riesige Motivation: wenn selbst die, die für uns das Problem darstellen, glauben, dass wir eine Lösung haben!“

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„Wer den Ausweis hat, hat es geschafft“

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