Burnout

Deutschland – völlig ausgebrannt?

Ärzte diagnostizieren immer öfter psychische Störungen. Betroffen sind vor allem ältere Menschen. Die Folge: Längere Auszeiten und früherer Renteneintritt. Eine große Herausforderung für Wirtschaft und Gesundheitssystem.
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Burnout und Depressionen werden zur Volkskrankheit Quelle: dpa
Depressionen

Burnout und Depressionen werden zur Volkskrankheit

(Foto: dpa)

BerlinDepressionen und Burnout scheinen zur neuen Modekrankheit geworden zu sein. Vor allem Rentner und ältere Arbeitslose sind betroffen. Das zeigen aktuelle Analysen des BKK Bundesverbands. Die regionalen Unterschiede sind groß. Dies wirft auch die Frage auf, ob Menschen die Krankheitsdiagnose Depression zunehmend nutzen, um vorzeitig aus der Tretmühle des Arbeitsmarktes in die Rente zu wechseln – also psychische und soziale Not bei diesem Krankheitsbild oftmals Hand in Hand gehen.

Dafür spricht, dass auch die Zahl der Frührenten wegen psychischer Erkrankungen stark zunimmt. Und ein weiterer Umstand wirft Fragen auf: Nach aktuellen epidemiologischen Studien gibt es heute nicht mehr psychische Erkrankungen als etwa 1998. Trotzdem wird die Krankheit viel häufiger von Ärzten diagnostiziert.

Diese Berufe machen depressiv
Stress und Burnout
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Montagsblues

Besonders montags fällt es uns schwer, etwas positives am Arbeiten zu finden. Laut einer amerikanischen Studie dauert es im Durchschnitt zwei Stunden und 16 Minuten, bis wir wieder im Arbeitsalltag angekommen sind. Bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr dauert es sogar noch zwölf Minuten länger. Doch es gibt nicht nur den Montagsblues: Manche Berufsgruppen laufen besonders stark Gefahr, an einer echten Depression zu erkranken...

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Journalisten und Autoren

Die Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben.

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Händler

Der Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent.

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Parteien, Vereine & Co.

Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.

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Umweltschutz

Der Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen.

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Juristen

Als mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv.

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Personaldienstleister

Auf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich . Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.

Die Auswertung der Daten von 4,8 Millionen Versicherten der Betriebskrankenkassen im aktuellen Gesundheitsatlas des BKK-Bundesverbands, belegen einen dramatischen Befund: Während in den 1970er-Jahren nur zwei Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage mit ärztlichem Attest auf eine psychische Erkrankung zurückgingen, sind es heute rund 15 Prozent. Die Zahlen haben sich versiebenfacht. Selbst gegenüber 2003 haben sich die Krankentage mehr als verdoppelt.

Hinzu kommt, die betroffenen Patienten fallen immer länger aus. Die Krankheitsdauer stieg in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent. Im Durchschnitt dauern seelische Erkrankungen 39 Tage je Fall. Affektive Störungen, zu denen Depressionen zählen, machen einen Großteil psychischer Diagnosen aus: Die Ausfallzeit ist hierbei im Schnitt sogar 58 Tage je Fall.

Die Entwicklung bedeutet eine gigantische Herausforderung für das Gesundheitssystem. Gerade erst wurde mit dem Versorgungsstärkungsgesetz, das am kommenden Freitag wahrscheinlich vom Bundesrat verabschiedet wird, die Bedarfsplanung für Psychotherapeuten neu justiert, um den wachsenden Behandlungsbedarf wenigstens teilweise zu decken.

Schon heute klagen Patienten über monatelange Wartezeiten, bis sie einen Behandlungstermin erhalten. Noch schwieriger ist es oft einen freien Platz in einer psychiatrischen Klinik oder einem auf psychische Störungen spezialisiertem Rehabilitationszentrum zu erhalten. Es entstehen aber auch Kosten bei den Unternehmen, die zunehmend durch Burnout-Erkrankungen der Mitarbeiter verursacht werden.

„Gründe genug, den Ursachen etwas stärker auf den Grund zu gehen“, so Franz Knieps, Chef des BKK-Bundesverbandes. Knieps hat Frank Jacobi von der psychologischen Hochschule Berlin gebeten, die Ergebnisse aus der Auswertung der Routine-Behandlungsdaten der Betriebskrankenkassen mit den Forschungsergebnissen der Wissenschaft abzugleichen, die sich auf die systematische Befragung von repräsentativ ausgewählten Stichproben der Bevölkerung stützen.

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  • Neben allen psychologisch-soziologischen Erklärungen gibt es auch eine gute physikalische Erklärung für einen Burnout – siehe http://analogo.de/2014/10/22/burnout-die-physikalische-erklaerung/

  • Dazu sage ich nur: "201 gute Gründe in Deutschland keine Kinder zu bekommen" - siehe http://analogo.de/2014/10/17/1248/

    Punkte 1, 2, 9, 11, 56, 66, 72, 75, 87, 89, 145, 158-164, 167 und 168

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