CDU-Parteitag
Der neutralisierte Rüttgers

Eleganter wie Jürgen Rüttgers auf dem CDU-Parteitag kann ein Gegner nicht vor über 1 000 Zeugen aufs Nebengleis geschoben werden. Angela Merkel hat den Abweichler in einem Bad aus Konsens-Lauge eingeweicht. Innigster Glaubenssatz der CDU-Oberen um Merkel, Wulff und Koch in Dresden ist: Die SPD wird es schon richten.

DRESDEN. Wie Kai aus der Kiste schießt da einer urplötzlich nach oben, reißt vor allen anderen im Saal die Arme hoch und spendet frenetischen Beifall. Man könnte ihn für einen Gewinner halten. Als wären ihm plötzlich Flügel gewachsen, schlägt er heftig die angewinkelten Arme durch die Luft. Eine Hundertstelsekunde mag vergangen sein, dass Angela Merkel ihre Parteitagsrede beendet hat, eine Hundertstelsekunde, die Jürgen Rüttgers Zeit hat, sich demonstrativ einzureihen und den hässlichen Zwist über die „Lebenslügen“ und die versäumten Lektionen der CDU vergessen zu machen. Eine Hundertstelsekunde und der Parteitag ist da, wo Merkel ihn haben will. Im einhelligen, minutenlangen Jubel. Für sie, die Parteichefin, die Kanzlerin. Wen sonst. War da was? War da wer?

Merkel muss viermal, fünfmal, sechsmal an die Rampe, um den Jubel entgegenzunehmen. Hochstimmung, fast ein Hochamt. Doch ihr Kurzzeit-Kontrahent Rüttgers entkommt der gerechten Strafe für die „Lügentiraden“ und die jetzt so verblüffend willfährige Geste der Zustimmung nicht. Lektionen müssen gelernt werden. Mitunter auf bittere Weise: „Ich habe hier einen Zettel, auf dem der Name Jürgen Rüttgers steht“, spricht die anonyme Parteitags-Dramaturgie durchs Mikrofon zu den 1 000 Delegierten. In der Messehalle Dresden schallt es: „Das Wort hat Jürgen Rüttgers.“

Der sitzt aber schon wieder auf seinem Vorstandsstuhl, schaut jetzt, kalt erwischt, in die Menge. Er wittert die Strafaktion. Entgeistert stammelt er zunächst: „Ich habe gar keinen Zettel“ und muss nun so widerwillig wie wacker weitermachen. Nun: das heißt mitten in den gerade eben erst abebbenden Jubel für die Widersacherin hinein. Nun, das heißt auch: zu einer sich in wohliger Einträchtigkeit wiegenden Delegiertenschar, die den Ärger der letzten Monate total leid ist. Nun, da Rüttgers in diesem Gefühl trauter Einigkeit völlig Fehl am Platz ist.

Prompt verläuft sich seine Rede in Altbekanntem. Oder es will einem jetzt, nach der allgemeinen Jubel- und Einheitsorgie, zumindest so vorkommen. Und als befände man sich in einer „Dancing on Ice“-TV-Show, in der so genannte PED-Umfragen über den Gewinner entscheiden, brandet dennoch unglaublicher Beifall auf. Aber nur bei den NRW-Delegierten. Ansonsten rührt sich keine Hand. Auch eine Art Menetekel.

Eleganter kann ein Gegner nicht vor über 1 000 Zeugen aufs Nebengleis geschoben werden. Monatelang hat Rüttgers versucht, den Wahlparteitag in einen Programmparteitag umzumünzen. Monatelang hatte er die „Lebenslügen“ der CDU aufgezählt, darunter auch wahrhaftige. Und ebenso lang hat er es gewagt, endlich eine ehrliche Analyse des Wahldebakels und des Vertrauensschwundes der CDU erzwingen zu wollen. Um die Union sozialer und erfolgreicher auszurichten.

Sehr lang schien er damit erfolgreich. Seit dem Montagmorgen in Dresden aber ist er bis zur Entfremdung in die Mitte der Partei heimgeholt worden. Man kann auch sagen: Der Rufer vom Rhein ist neutralisiert. Selbst wenn seine Mitkombattanten, der saarländische Ministerpräsident Peter Müller und NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann in der Aussprache noch heftig und laut Partei für ihn ergreifen sollten.

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