CDU-Programm
Pofalla-Deutsch und Prinzipienverlust

Es ist vielleicht nicht mehr angesagt, auf knallharten, konservativen Standpunkten zu beharren. In ihrem neuen Grundsatzprogramm verabschiedet sich die CDU aber von vielen alten Prinzipien – und damit auch von ihrer Basis. Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer nimmt in seinem Essay das Parteiprogramm unter die Lupe und findet nicht zuletzt einen exotischen Dialekt: Das Pofalla-Deutsch.

Die CDU schreibt im Entwurf ihres neuen Grundsatzprogramms: „Wir brauchen einen pfleglichen Umgang mit der deutschen Sprache.“ Gemeint sind damit natürlich unsere ausländischen Einwanderer in Deutschland. Aber es wäre schön, wenn sich die Christdemokraten selbst erst einmal auf klare Worte, den korrekten Umgang mit unserer Grammatik und die deutsche Syntax besinnen könnten. Auf den 91 Seiten ihrer Beschlussvorlage für den nächsten Bundesparteitag in Hannover kann davon jedenfalls keine Rede sein. Das ganze Programm schludert mit der deutschen Sprache.

Was soll man zum Beispiel vom „dauerhaften“ Bekenntnis zum Bürokratieabbau in Vers 290 halten, wenn vier Zeilen später im Betonbürokratendeutsch von der „Hierarchie der Rechtssetzungsebenen“ die Rede ist? Wie soll man an die Wirtschaftskompetenz einer Partei glauben, die sich in Vers 156 ihres Parteiprogramms in die Nonsensformel versteigt, die „Finanzmittel privater Investmentgruppen“ überstiegen „die Marktmacht“ von Großbanken und Unternehmen? Was will uns die CDU sagen mit schrecklichen Begriffsmonstern wie „Bezogenheit auf den Nächsten“? Was soll man von Leuten denken, die sich regelmäßig mit deutschen Metaphern („durchlässiger Weg“) verheben? Oder die Stilblüten produzieren wie: „Durch Schul-, Berufsausbildung und Studium werden junge Erwachsene später erwerbstätig“ (schön wär’s)?

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb Ludwig Wittgenstein in seinem „Tractatus logico-philosophicus“. Der Erdkreis der CDU endet, wenn man sich ihr Grundsatzprogramm durchliest, im niederrheinischen Niemandsland kurz hinter Weeze. Von dort stammt Ronald Pofalla, Generalsekretär der Christdemokraten und von Angela Merkel höchstselbst mit Grundsätzlichem betraut. Wenn er in seiner Freizeit nicht auf der Niers paddelt, rudert der Vielredner gern im Meer der nichts sagenden Phrasen herum.

Dieses Pofalla-Deutsch prägt über weite Strecken den Programmentwurf der CDU. Wohin es die Christdemokraten inhaltlich treibt, kann man auch nach ausführlicher Lektüre der vielen Seiten nicht sagen. Alles Verbindliche und Eindeutige, alles Kantige und Konservative bleibt auf der Strecke. Keine These in diesem Programm, die nicht in Windeseile durch die folgende Antithese ins Unbestimmte aufgehoben würde. Deshalb kann man eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Programm getrost vergessen. Wo es keine eindeutigen Gedanken gibt, soll man auch nicht so tun als ob. Angemessen nähert man sich solchem Gegenstand nur noch mit Sprachkritik. Ganz im Sinne von Karl Kraus allerdings, der zeitlebens davon überzeugt war, „dass die Phrase und die Sache eins sind“.

Die Sätze dieses Programms mischen sich zu einer Sprache, die ihre drei Hauptquellen niemals verbergen kann: das kirchliche Erweckungsbrevier, die bürokratische Umlaufmappe und den linken Soziologenjargon. Aus dem Brevier stammen theologische Plattweisheiten wie „Jeder Mensch ist Irrtum und Schuld ausgesetzt“. Aus der Habermas-Kiste kommen solche Unwörter wie „Generationenbeziehungen“ oder „Lebensumwelt“. Aus den Tischvorlagen der Beamten stammen solche Ungetüme wie „Zuwanderungs- und Aufnahmebedingungen“. Was aus dieser schrecklichen Mischung entsteht, könnte man vielleicht am besten als Sozialarbeitersprache bezeichnen.

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