CDU
Schlingergefahr: Merkel bringt Basis in Not

Viele Wendungen nimmt Michael Fuchs an diesem Abend, viele Kurven, vorbei an Fachwerk und Feldern, sein Ziel ist Winkelbach, eine Gemeinde mitten im Westerwald, 200 Einwohner, er will dort über die Wirtschaft, die CDU und ihre Kanzlerin referieren. Es gibt eine Menge zu sagen. Die Kanzlerin, seine Kanzlerin, hat ihn in einige Erklärungsnot gebracht.

WINKELBACH. Auch sie hat ja viele Wendungen genommen, bevor sie sich nach Brüssel aufgemacht hat. Angela Merkel will dort diejenigen Klimabeschlüsse der EU blockieren, die der deutschen Industrie zu sehr schaden würden. Dabei war sie es, die diese ehrgeizigen Ziele auf EU-Ebene erst salonfähig gemacht hatte. Einer Kanzlerin, die eben noch gegen die Wiederkehr der Pendlerpauschale wetterte und die deutliche Niederlage vor dem Verfassungsgericht nun als Konjunkturstimulus lobt. So jedenfalls sieht es Fuchs. Michael Fuchs, 59 Jahre alt, ehemals Firmenchef und Großhandelspräsident, heute CDU-Bundestagsabgeordneter aus Koblenz und, vor allem, Unions-Wirtschaftsfachmann mit dem Hang zu eigener Meinung.

Merkel wirkt von den Ereignissen dieser schwierigen Zeit getrieben. Michael Fuchs ist darüber nicht ganz unglücklich, denn sie beginnt endlich wieder daran zu denken, was er seit Jahren bei ihr einfordert: wirtschaftsfreundliche Politik. Darüber will er reden an diesem Abend. Seine Zuhörer: KFZ-Mechaniker, Steuerberater und CDU-Gemeinderäte.

"Wir haben Sie eingeladen, weil Sie nicht immer auf der Linie unserer Kanzlerin sind", sagt der Chef des Gewerbeforums Dieter Jung, ein Mann mit Professoren-Haarschopf, zur Begrüßung. Nicht auf Linie der Kanzlerin - unter Mittelständlern, der Kernklientel der CDU, ist das derzeit eine Referenz. In der Tat ist Michael Fuchs einer der wenigen in der CDU, die Kanzlerin Merkel sogar öffentlich widersprechen dürfen und trotzdem ihr monatliches Jour Fixe bei ihr behalten. Er gehört nicht zu ihrem engsten Kreis, aber er ist einer der wenigen Wirtschaftspolitiker, die Gehör bei ihr finden. Immerhin kennt er sie schon, seit sie Umweltministerin im Kabinett Helmut Kohls war. Zudem vertritt er als Chef des Parlamentskreises Mittelstand rund 130 Unions-Abgeordnete, die sich in der Wirtschaftspolitik engagieren.

An diesem Abend, Jahrestreff des Gewerbeforums Westerwald, muss er die große Politik erklären, die Milliardenbeschlüsse in Berlin auf lokale Größe bringen, die Politik der Gipfelkanzlerin mit Bodenhaftung versehen. Es ist ein mühsames Geschäft, Basisarbeit. Fuchs ist kein großer Redner, keiner wie Friedrich Merz. Mit scharfer Zunge ordnungspolitische Grundsätze zu verteidigen ist nicht seine Stärke. Doch die Dramatik der Wirtschaftskrise in einfachen Worten begreifbar machen, das kann er. "In manchen Branchen ist das, als hätte jemand den Stecker rausgezogen" - seine Umschreibung für abrupte Auftragseinbrüche.

Seine Zuhörer tragen gestreifte Hemden von Karstadt-Marken und wundern sich, wie die Kanzlerin in nur einer Woche ein 500-Milliarden-Paket für die Banken schnüren kann, es aber ein Problem sein soll, 7,50 Euro Mindestlohn zu zahlen.

Fuchs will Beispiele zeigen, wie man die Krise auch ohne Milliarden meistern kann. Durch Entrümpelung des EU-Regelwerks etwa. Eine Umgehungsstraße soll hier in dieser Gegend gebaut werden, ab fünf Millionen muss so ein Bau europaweit ausgeschrieben werden. "Wenn wir an den Vergaberegeln nichts ändern, wirken die meisten Infrastrukturhilfen nicht vor Ende 2009."

Die Bedienung füllt die Stövchen fürs Büfett mit Brennstoff aus einer grünen Gießkanne. Es brutzelt, wird warm im Wintergarten im Westerwald. Fuchs ist schon auf Temperatur. Er sagt: "Ich will, dass sie Erfolg hat." Er meint Merkel. Er gibt ihr einen gut gemeinten Rat mit nach Brüssel. Die Klimaziele, schön und gut, sagt Fuchs. "Die Wirtschaftskrise verlangt uns harte Maßnahmen ab, und dazu gehört auch, den Klimaschutz für eine Zeit zurückzustellen."

Das ist, was sie alle hier denken. Klimakanzlerin hin, Klimakanzlerin her.

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