CDU und SPD rangeln um die Vorherrschaft
Wer zuckt, hat verloren

Eigentlich reden CDU und SPD nach der so unklaren Bundestagswahl nicht miteinander. Eigentlich. Ein kurzes Telefonat, ein Brief sind aber doch drin. In beiden Lagern zeigen sich Risse in der Abwehrmauer. Machen Sie den Weg zur Großen Koalition frei?

HB BERLIN. Keine drei Kilometer Luftlinie trennen die Berliner Parteizentralen von CDU und SPD. An einem schönen Spätsommertag könnte man bequem in einer Viertelstunde vom Willy-Brandt-Haus im multikulturellen Kreuzberg zum Adenauer-Haus am gediegenen Rand des Tiergartens radeln. Zur Not könnte man auch eine Flaschenpost über den Landwehrkanal schicken. Doch so einfach gestaltet sich die Kontaktaufnahme zwischen den beiden Volksparteien nach dem verstörenden Wahlergebnis vom Sonntag nicht. Man habe "Kontakt" mit der SPD-Spitze aufgenommen, berichtet CDU-Chefin Angela Merkel am Montag. SPD-Chef Franz Müntefering aber legt Wert auf die Feststellung, dass lediglich "aus dem Büro von Frau Merkel in meinem Büro angerufen wurde". Entscheidend sei, dass er als Vorsitzender der "eindeutig stärksten Partei" nun brieflich zu Sondierungsgesprächen eingeladen habe. Ein konkreter Termin steht bislang nicht zu Debatte.

Das scheinbar absurde Theater ist symptomatisch für das höchst gespannte Verhältnis zwischen Union und SPD. Mit dem Anspruch der SPD, die mit 34,3 Prozent knapp einen Punkt hinter CDU/CSU blieb, auf das Kanzleramt hat Regierungschef Gerhard Schröder (SPD) seiner Herausforderin Merkel den Fehdehandschuh hingeworfen. Doch in der jeweiligen Wunschkonstellation kann weder Schwarz-Gelb noch Rot-Grün regieren. Beide Volksparteien haben realistisch zwei Optionen: Entweder sie verbünden sich mit FDP und Grünen, oder sie gehen eine große Koalition ein. Nur eine Konstellation kann am Ende regieren, nur ein Bewerber Kanzler werden: Schröder oder Merkel. Am Sonntagabend ist ein dramatischer Politpoker eröffnet worden.

Zum erfolgreichen Kartenspiel gehört ein Pokerface, und um ein solches bemüht sich jetzt nach Kräften die Spitze der CDU. Niemand anders wird hier Kanzler als Angela Merkel, heißt die Devise. "Die CDU/CSU ist die stärkste Fraktion im Bundestag", sagt die Kandidatin, als sie am frühen Nachmittag im Konrad-Adenauer-Haus an die Mikrofone tritt. Die Union habe 450 000 Stimmen mehr als die SPD, und das sei "eine ganz andere Größenordnung" als jene 6000 Stimmen Vorsprung, die 2002 Gerhard Schröder zur Kanzlerschaft verholfen hatten. Sie setze "auf die verantwortungsvollen Kräfte", sagt Merkel und sieht dabei für jemanden, der eine so dramatische Niederlage hat einstecken müssen wie sie, bemerkenswert wenig mitgenommen aus.

Als Erstes wolle sie gemeinsam mit CSU-Chef Edmund Stoiber mit der FDP-Spitze reden, sagt die CDU-Vorsitzende. Das kann, da es bekanntlich für Schwarz-Gelb nicht reicht, nur einen Zweck haben: Die Liberalen dafür zu gewinnen, das schwarz-gelb-grüne Szenario noch eine Weile am Leben zu erhalten. Natürlich gibt sich niemand der Illusion hin, dass die Grünen einfach so das Lager wechseln und sich Schwarz-Gelb anschließen werden. Aber schön wäre es doch, auf diese Weise den Sozis den Stuhl vor die Tür stellen zu können, träumt mancher im Präsidium. Oder doch wenigstens den Druck zu erhöhen auf den künftigen Koalitionspartner SPD.

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