Cem Özdemir
"Seine Koteletten sind jetzt schon Kult"

Erst wollte er nicht, dann machten sie es ihm nicht leicht, jetzt wählten die Grünen ihn zum Ko-Vorsitzenden der Partei und verschafften ihm damit gleich noch einen Platz auf der Liste der Ersten: Der Deutsch-Türke Cem Özdemir ist der erste Bundesvorsitzende einer Partei in Deutschland, der einen Migrationshintergrund hat. Einer jungen Delegierten imponierten offenbar noch andere Aspekte.

Der schmale Mann mit den buschigen schwarzen Koteletten sitzt vorne in der vierten Reihe rechts, einer von fast achthundert Delegierten in der Erfurter Messehalle, zwinkert immer wieder nervös und hält sich an seinem Manuskript fest. Statt dem schon fast obligatorischen schwarzen Rolli hat er ein braves hellblaues Hemd zu Jeans und Jackett gewählt. Oben auf dem Podium hält die routinierte langjährige Vorsitzende Claudia Roth ihre Bewerbungsrede zur Wiederwahl, badet in Sympathie der grünen Masse, wettert gegen "Angela Merkel, die Schutzmantel-Madonna einer Sozialdemokratie mit Burn-out-Syndrom".

Unten greift der Anwärter zum Kuli, korrigiert seine Rede noch mal, kratzt sich am Hals, starrt ins Leere, und beklatscht fast mechanisch seine künftige Ko-Vorsitzende, als sie für grüne Verhältnisse extrem gute 83 Prozent bekommt. Er steht auf, um seinerseits aufs Podium zu laufen, doch die Parteitagsregie zaudert, er muss sich noch mal setzen.

Als Cem Özdemir endlich doch vor der Partei steht, hält er sich am Pult fest, den Blick auf die mitgebrachten Blätter geheftet. Doch nicht lange: Der Deutsch-Türke redet sich binnen Minuten warm, getragen von stetig wachsendem Zwischenapplaus. Er stellt sich explizit hinter die "sieben erfolgreichen Jahre Rot-Grün" und will zugleich "nicht regieren um des Regierens willens". Er mahnt die Ökos, nicht "überkomplex" zu sein, nicht länger in der Opposition verkappte "Kabinettsvorlagen" zu produzieren. Er schießt sich ein auf den "Autolobbyisten" Sigmar Gabriel, einen Verräter der rot-grünen Klimapolitik, geißelt die FDP, "die manche liberal nennen und die den politischen Einfluss auf den Bankensektor eigentlich verringern wollten - gnade uns Gott!".

Özdemir weiß, dass sie ihm inhaltliche Unschärfe ankreiden, und geht in die Offensive: "Ich wäre der falsche Mann, um jeden Tag ein neues Programm zu machen". Das sei aber auch nicht nötig denn dank seines künftigen Vorgängers Reinhard Bütikfoer "haben wir schon das beste Grundsatzprogramm aller Parteien".

Seine Herkunft als Sohn eines Drehers und einer Lehrerin aus der Türkei trägt er, der Bescheidenheit und Wohlerzogenheit kultiviert, nicht auf. Er sagt nur, er will eine Gesellschaft für alle, "egal ob sie aus Kasachstan oder Anatolien kommen oder ob ihre Vorfahren schon im Teutoburger Wald gegen die Römer gekämpft haben". Und er schließt mit dem aktuellen Lieblingsfeind der Grünen: Roland Koch dürfe nach der nächsten Wahl in Hessen "nicht länger das täglich grüßende Murmeltier sein". Der 42-jährige "anatolische Schwabe", wie er sich selbst nennt, hat die Basis erobert. Begeistert beklatschen sie ihren neuen Vorsitzenden, der sie durch Superwahljahr führen soll - länger und lauter noch als Claudia Roth, die erste Beauftragte für die grüne Seele.

Um 16.19 Uhr am Samstagnachmittag, an diesem strahlenden Novembertag, ist es soweit. Zum ersten Mal wählt eine deutsche Partei einen Migranten zum Parteichef. Der ehemalige Hauptschüler, das Arbeiterkind Cem Özdemir bekommt 617 Stimmen - 79 Prozent - und sieht so aus, als ob er so viel nun wirklich nicht erwartet hätte. Der neue Parteichef, der Mann, der erst seit seinem 18. Lebensjahr Deutscher ist, dankt am Ende nicht nur seinem kleinen Team, sondern auch "allen die nicht wählen können, obwohl sie vor 40, 50 Jahren mitgeholfen haben, dieses Land zu dem zu machen, was es heute ist: der Generation meiner Eltern".

Claudia Roth, die emotional-temperamentvolle Spitzenfrau des linken Flügels, die bekannteste Politikerin der Grünen, war gesetzt. Cem Özdemir aber hatten sie es zumindest nicht leicht gemacht. Erst wollte er gar nicht, traute sich den Job als Parteichef angeblich nicht zu, scheute den enormen, familienfeindlichen Zeitaufwand. Als dann die künftige Spitzenkandidatin der Grünen, Renate Künast, ihren Berliner Parteifreund Volker Ratzmann zur Kandidatur animierte, wuchs der Druck auf den Deutsch-Türken: Der Realo-Flügel wollte als Nachfolger Reinhard Bütikofers wieder einen der Ihren an der Spitze, einen, der ganz offiziell den Realo-Flügel vertritt, und keinen gewendeten ehemaligen Linken wie Ratzmann.

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