Chemie und Pharmazie haben sich zu lange auf Altbewährtes verlassen
Autobauer gehen bei der Innovation voran

Die treibende Kraft des Innovationsstandorts Deutschland ist der Automobilbau – mehr denn je. Das ist umso überraschender, als noch Anfang der 90er-Jahre viele eine Massenabwanderung nach Japan fürchteten. Doch die Autobauer gingen in die Offensive: „Die Strategie zielte auf intelligentere und bessere Autos – nicht billigere“, erklärt Ulrich Schmoch, Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.

BERLIN. Die Forschungsausgaben stiegen und mit ihnen die Zahl der Patente. Die Elektronik wurde nicht nur ausgebaut, sondern auch gegen Hitze und Vibrationen gefeit, dazu kam ausgefeilte Sicherheitstechnik.

So katapultierte sich die Automobiltechnik made in Germany auch international nach vorn: In den 70ern entfielen gerade mal zehn Prozent der FuE-Ausgaben des weltweiten Automobilbaus auf Deutschland – Anfang des 21. Jahrhunderts ist es fast ein Viertel. Und befruchtet andere Felder: „Viele deutsche Patente in Chemie, Mikroelektronik und Maschinenbau kommen ebenfalls aus dem Automobilbau“, so Schmoch. Selbst die massive Globalisierung der Branche hat „den heimischen FuE-Standort offensichtlich gestärkt“, heißt es im Forschungsbericht der Bundesregierung.

Die Autobauer haben gezeigt, wie flexibel der Technologiestandort Deutschland ist. Andere Branchen dagegen haben sich auf Altbewährtes verlassen, vorhandenen Spitzentechnologien zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. So ist im Maschinenbau und in der Chemie der jeweilige Anteil an der weltweiten FuE seit Mitte der 80er gesunken. Erst seit Ende der 90er haben diese Säulen deutscher Innovationskraft wieder „ein wenig aufgeholt“. Der Einfluss der Politik ist begrenzt, meint Schmoch: „Wenn Unternehmen bestimmtes Wissen, etwa aus der Biotechnologie oder der Mikroelektronik, nicht aufgreifen, nutzt alle öffentliche Forschung nichts.“

Bei näherem Hinsehen zeigt sich im Maschinenbau jedoch eine Zweiteilung: Sehr gut stehen die „anspruchsvollen, forschungsintensiven“ Zweige da, so Schmoch, vor allem der Bau von Werkzeugmaschinen, Getrieben und Motoren sowie die Konstruktion von Spezialmaschinen für die Textil- und Papierindustrie. „Schwächer sind wir dagegen in weniger anspruchsvollen Bereichen geworden, etwa beim Bau einfacherer Werkzeugmaschinen“. Solche Maschinen werden heute zu weitaus günstigeren Preisen auch anderswo, etwa in Osteuropa, gebaut.

Die früher weltweit führende deutsche Chemie ist technologisch auf ein „mittleres Niveau“ gerutscht. Das liegt nicht an fehlender Forschung in Unis und Instituten, meint Schmoch, sondern an der „Unbeweglichkeit“ der Unternehmen, denen es offenbar zu lange sehr gut ging. Es fehle vor allem „die Konzentration auf sehr hochwertige Chemie, etwa auf Hochleistungskunststoffe“. Die Bedeutung der Biotechnologie habe die Branche sogar „ein Stück weit verschlafen“. Erst in den vergangenen zwei, drei Jahren habe ein Umdenken eingesetzt – nun bestehe „Hoffnung auf Besserung“.

Die deutsche Pharmazie ist international weit zurückgefallen – auch weil vor allem die USA wesentlich stärker und „langfristiger als Deutschland“ gefördert haben, sagt Schmoch. Zentral war auch die Vernachlässigung der Biotechnologie. Durch die massive Förderung des Bundes hat diese jedoch deutlich zugelegt und verbucht in Europa nach einer Untersuchung der EU-Kommission mit Abstand die meisten Patente. Gemessen an den USA, ist die deutsche Biotechnologie jedoch ein Zwerg.

Ähnliches gilt für die Informations- und Kommunikationstechnologie, die nicht einmal für zehn Prozent der Welt-Patente steht. Auch hier ist Deutschland zu spät aufgewacht – „gerade weil wir in der klassischen Elektrotechnik so erfolgreich waren“, so Schmoch. Kritisch sieht er, dass es neben dem Giganten Siemens „viel zu wenig Mittelständler“ gebe. Besser sieht es in der Mikrotechnologie aus – dank Infineon und AMD. Das sinnfälligste Signal war die Rückkehr des Chip-Masken-Baus nach Europa: nach Sachsen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%