Christian Lindner
Der General mit Hang zur Revolte

Er ist der Hoffnungsträger der FDP, nun soll er Parteichef werden. Wie hat es der Mann, der die Liberalen führen soll so schnell an die Spitze geschafft? Und hat er das Zeug, die Macht an sich zu reißen? Ein Porträt.
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In der FDP-Führungsdebatte stehen nach Angaben von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger am kommenden Montag Entscheidungen an. Dann werde im Parteipräsidium darüber gesprochen, wie es mit der Bundes-FDP personell und inhaltlich weitergeht, sagte die bayerische FDP-Landesvorsitzende am Freitag in München. Leutheusser-Schnarrenberger erhöhte noch einmal den Druck auf Parteichef Guido Westerwelle. Sie halte nichts von Ideen, „mit ein, zwei Sündenböcken“ sei ein „Weiter so“ gut möglich. Nötig sei die Bereitschaft, über alle Funktionen und Posten im Präsidium zu sprechen. Dem „Münchner Merkur“ (Freitag) hatte Leutheusser-Schnarrenberger gesagt: „Keiner sollte an seinem Posten kleben.“

Wenn in diesen Tagen über Intrigen in der FDP diskutiert wird oder über das Ende der Ära Westerwelle, dann kommt für viele als Nachfolger nur ein Mann in Frage: Christian Lindner. Lindner ist Generalsekretär der Partei und gerade 32. Pflichtschuldig wird sein Alter als Argument genannt, warum er Westerwelle noch nicht beerben kann. Doch was als sein größtes Handicap erscheint, kann schnell zu seiner größten Stärke werden - gerade wenn man eine Partei verjüngen will. Vor allem spricht für Lindner, dass die Reihe der Gegenargumente nach dem Punkt "Alter" meist schon zu Ende ist.

Verhältnismäßig wenig weiß man in Berlin über ihn. Lindner ist gerade zwei Jahre in Berlin, davor war er Landespolitiker in NRW, Fachgebiet Kinderbetreuung, Spitzname Bambi. Das allein reicht noch nicht als Erklärung für die plötzliche Karriere. Doch Lindner hat in den erst dreizehn Jahren politischer Erfahrung einige Wendungen und Erfahrungen gemacht, die vielleicht erklären können, wo er mit der Partei hin will - ganz sicher aber, wie er zum aussichtsreichsten Kronprinz in der deutschen Parteienlandschaft geworden ist.

Die erste Chance erhält Lindner 1998, da ist er gerade 18 Jahre jung und Schüler im bergischen Wermelskirchen, seit einem Jahr FDP-Mitglied und zum ersten Mal auf einem Landesparteitag. Auf Bundesebene steht die Wahl Schröder gegen Kohl bevor, und die Bürger ahnen, dass es für den Wendekanzler nicht noch einmal gut gehen kann. Nach 15 Jahren ist auch die alles ausfüllende Figur Kohl verbraucht.

In der Führung der FDP ist das nicht angekommen, dort wirbt man mit Slogans wie "FDP wählen, damit Kohl Kanzler bleibt". Doch die Basis spürt die Wechselstimmung, und so auch Lindner. Selbst noch ohne Stimmrecht, stößt der Abiturient seinen Banknachbarn, einen altgedienten Lokalpolitiker aus seinem Bezirksverband an und sagt: "Schlag mich doch mal vor für den Landesvorstand."

Bis heute ist Lindner ein Mann, der lieber mit der Faust anderer auf den Tisch haut. Denn am Ende ist ihm sein eigenes Fortkommen wichtiger als der Putsch selbst. 1998 war es der Banknachbar, heute spekuliert er vielleicht auf die respektierten Altpolitiker, die in der FDP nach wie vor hohes Ansehen genießen. Vorgeprescht sind bereits Ex-Innenminister Gerhardt Baum, der vielleicht letzte Sozialliberale der Partei, und Wolfgang Gerhardt.

Letzterer war mal Parteivorsitzender, bis Westerwelle ihn aus dem Amt jagte. Heute sagt er: „Die jungen müssen jetzt die Macht übernehmen.“ Doch beide sind keine ausgewiesenen Freunde Westerwelles, in der Partei eher Außenseiter. Das Risiko wäre jetzt wohl noch zu groß, doch schon mit einer Wortmeldung Hans-Dietrich Genschers könnte Lindners Stunde gekommen sein. So wie 1998.

Denn eine kurze Rede und eine Abstimmung später zeigt sich, dass Lindner damit ein Jahr vor der verheerenden Niederlage der schwarz-gelben Koalition auf Bundesebene offenbar eine Wechselstimmung in der Partei erkannt hat. Denn statt der Bundestagsabgeordneten Ina Albowitz wählen die Delegierten den 18-jährigen Schüler aus dem Bergischen Land in den Vorstand. Es ist der erste Schritt in Lindners politischer Blitzkarriere. Und vielleicht ist es der Schritt, der ihn davon überzeugt hat, dass Ausprobieren sich immer lohnt. Mit der richtigen Idee zur rechten Zeit ist alles möglich, und Lindner hat ein Gefühl für Stimmungen, auch für Befindlichkeiten

Schon an diesem ersten Schritt zeigt sich etwas, das sich von nun an durch seine Karriere ziehen wird: Oft profitiert Lindner vom Moment des Zufalls. Das Schicksal selbst herbeiführen ist seine Sache nicht. Wenn es gut läuft für Lindner, könnte ihm der Zufall dieses Mal in Form eines Flügelstreits zwischen Befürwortern und Gegnern von Wirtschaftsminister Brüderle helfen.

Seit seiner enthüllten Äußerung im BDI-Präsidium, die Notabschaltung der Atomkraftwerke sei Wahlkampftaktik, ist Brüderle angezählt. Sein Landesverbandes ist marginalisiert, hatte die FDP in Rheinland-Pfalz doch schlecht abgeschnitten. Sollte Westerwelle die Kaltstellung nicht gelingen, könnten bis zum Parteitag im Mai beide untragbar sein, um die Partei hinter sich zu sammeln. Es wäre ein typischer Lindner-Moment.

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Der General mit Hang zur Revolte

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Aufstieg im Rekordtempo

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Sie nannten ihn Bambi

Kommentare zu " Christian Lindner: Der General mit Hang zur Revolte"

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  • Das kommt vom vielen in den Arsch treten.

    Erst Merz, dann Koch, Köhler, Guttenberg und und und.

  • Ja, lasst dich Christian Lindner ran ! Paradiesvogel Westerwelle ist aufgebraucht und bringt die Partei nicht mehr weiter. Er krallt sich nur noch am Sessel fest.

    Für einen ehrenvollen Abgang hat Westerwelle den Zeitpunkt längst verpasst.

    Herr Westerwelle machen sie doch schon den Ole von Boist.

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