Christian Wulff: Der Problem-Weglächler von Bellevue

Christian Wulff
Der Problem-Weglächler von Bellevue

Zwischen Routine und Rücktrittsforderung: Für den Bundespräsidenten gibt es keine Atempause. Nicht einmal sein Neujahrsempfang verläuft reibungslos. Einige Geladene hatten demonstrativ abgesagt. Wulff nimmt es gelassen.
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BerlinAm Ende muss Christian Wulff noch selbst Hand anlegen. „Ein bisschen enger müssen wir schon rücken“, sagt er und breitet die Arme aus, als sich das Kabinett beim traditionellen Neujahrsempfang zum Gruppenfoto rechts und links von ihm aufreiht. Fast wirkt es, als ob die Minister zu große Nähe zu dem in der Kritik stehenden Präsidenten meiden möchten. Weil die Kameras nur dann alle einfangen können, wenn sie eng beieinander stehen, hat Wulff am Ende die schwarz-gelben Minister dicht neben sich.

Als das Gruppenfoto im Kasten ist, endet für den angeschlagenen Bundespräsidenten und seine Frau Bettina am Donnerstag das stundenlange Händeschütteln unter medialer Beobachtung. Bei mehr als 250 Begrüßungen von verdienten Bürgern, Funktionsträgern und Politikern wird genau hingesehen, ob Distanz oder Solidarität überwiegen.

Als um 12.35 Uhr Angela Merkel selbst an der Reihe ist, gibt sie sich gelöst, aber geschäftsmäßig. Die Kanzlerin huscht nach dem Handschlag so schnell vorbei, dass Wulff sie noch zu einem Dreierfoto bewegen muss, bevor sie sich neben seine Frau stellt und mit ihr flachst. Als „uckermärkische Herzlichkeit“ wird dies später interpretiert.

Zuvor zeigte das streng getaktete Defilee die ganze Palette an Reaktionen. Einige wie Bundestagspräsident Nobert Lammert, der Wulff noch kritisiert hatte, legen ihm zum Zeichen der Nähe die Hand auf den Arm. „Alles, alles Gute“, murmelt Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt dem Staatsoberhaupt aufmunternd zu. Und Linken-Chef Klaus Ernst grinst breit, als er sich zwischen das Ehepaar Wulff stellt.

Doch der Bundespräsident weiß genau, dass an diesem Tag nicht nur die netten oder nettgemeinten Gesten wie die Wangenküsschen von Außenminister Guido Westerwelle für seine Frau (“Man muss nicht verschweigen, wenn man sich mag.“) registriert werden. Auch jeder fehlende Gast wird als Zeichen der Ablehnung interpretiert - die SPD- und die Grünen-Spitze etwa glänzten demonstrativ durch Abwesenheit. Abgesagt hatte auch die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) dagegen ließ sich die Teilnahme nicht nehmen. Eine solche Einladung des Staatsoberhauptes schlage man nicht aus. „Wenn jemand unten ist, schon gar nicht.“

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Auch Parteifreunde bleiben fern

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  • „Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben.“ Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Es handelt sich in NRW offensichtlich um eine Verfilzung mit schwarzen Reisekassen jenseits der parlamentarischen Kontrolle. Dies stellt eine Belastung des Amtes und für Johannes Rau dar.“ Zitat C. Wulff im Jahre 2000 zur Flugaffäre von Bundespräsident Rau.

  • Das hat es in der bundesdeutschen Geschichte noch nie gegeben, dass zum Neujahrsempfang Absagen kamen.
    Wulff zeigt immer mehr, dass er ein eiskalter Parteisoldat und Machtmensch ist. Von der Schülerunion in den Bundestag, vom wahren Leben keine Ahnung.
    Hätte er Charaker und Anstand, würde er diesem mehr als armseligen Spiel ein Ende bereiten.

  • Bleib dir selber treu!
    "Der Mann ist töricht, der die Menge der Freunde zählt. Ein Bündel Röhricht hilft dir nicht, wo ein Stab dir fehlt." (Friedrich Rückert, 1788-1866))
    Sollten meine Parteifreunde aus Mangel an Stehvermögen Gefallen daran finden, den König zu köpfen oder die Fahne zu wechseln, weil es gerade Opportun erscheint, dann werfe ich den Fehdehandschuh. An diese Stelle wäre das politisches Fundament meiner wertkonservativen Grundhaltung am Boden zerstört. "Sagt Mutter, `s ist Uwe! (Nis Randers - von Otto Ernst, 1862- 1926)

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