Christian Wulffs Abgang
Getröte und Gelärme zum Großen Zapfenstreich

Begleitet von Trompeten, Trillerpfeifen und Vuvuzelas wird Christian Wulff mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Der einstige Bundespräsident lässt sich davon nicht beeindrucken - und blickt in die Zukunft.
  • 45

BerlinDrei Wochen nach dem Rücktritt ist für den bisherigen Bundespräsidenten Christian Wulff die Zeit in Schloss Bellevue jetzt endgültig vorbei. Überschattet von lautstarken Protesten hat sich Wulff endgültig in den Ruhestand verabschiedet. Der traditionelle Große Zapfenstreich im Garten des Präsidialamtes wurde am Donnerstagabend immer wieder durch Wulff-Gegner vor den Toren des Schlosses gestört.

Einige Hundert Demonstranten haben Wulff ein besonderes Konzert zum Großen Zapfenstreich gespielt. Mit Trompeten, Trillerpfeifen und Vuvuzelas standen sie rund um den Zaun des Schloss Bellevue und überzogen die Zeremonie im abgeriegelten Park mit einem Lärmteppich. Polizisten kreisten zeitweise Menschengruppen ein und drohten, Vuvuzelas zu beschlagnahmen, kamen jedoch gegen die Masse nicht an.

Ein Demonstrant hielt ein Schild mit der Aufschrift „Ohne Ehre kein Sold“ in die Höhe und schimpfte: „Wulff ist mit seinen Affären eine Farce, peinlich für das Land.“ Eine andere Frau nannte den Ex-Präsidenten einen „Repräsentanten der Mitnahmegesellschaft“. Solche Proteste gab es bei einem Politiker-Abschied in der jüngeren Geschichte noch nie.

Wulff wirkte während der gesamten Zeremonie sehr ernst. Beim letzten Gang zurück ins Schloss hatte er seine Frau Bettina an der Seite. Auch seine beiden Kinder waren anwesend.

Zum lange umstrittenen Großen Zapfenstreich im Garten des Amtssitzes Schloss Bellevue erschienen am Donnerstagabend rund 200 Gäste, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert (beide CDU). Von Wulffs vier noch lebenden Vorgängern war jedoch kein einziger dabei. Auch die Opposition fehlte praktisch komplett. Nach einer Umfrage für die Nachrichtenagentur dpa erwarten drei Viertel der Bundesbürger (73 Prozent), dass Wulff für immer der Politik fern bleibt.

Wulff betonte zuvor in einer kurzen Abschiedsrede, seine Zeit als Politiker sei von „Höhen und Tiefen“ geprägt gewesen, aber vor allem von „der Erfahrung, dass es wichtig und letztlich erfüllend ist, sich politisch zu engagieren“. Ausdrücklich bedankte sich Wulff nicht nur bei seinen Mitarbeitern und den politischen Institutionen, sondern auch bei „allen Bürgerinnen und Bürgern in unserer so aktiven Bürgergesellschaft“. Seine Frau Bettina lobte er mit den Worten, sie habe Deutschland „auf großartige Weise überzeugend repräsentiert“.

Der 52-Jährige fügte bei einem Empfang hinzu: „Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt.“ Seine Frau Bettina Wulff und er wollten sich weiterhin „engagiert für unser Land und seine Menschen einsetzen“. Seinem Nachfolger Joachim Gauck wünsche er eine glückliche Hand für Deutschland und breite Unterstützung.

Bei einem letzten Empfang im Präsidialamt warb Wulff am Donnerstagabend nochmals für eine Gesellschaft, in der auch Platz für andere Kulturen ist.

Mit einem Bekenntnis zum Dialog der Kulturen und einem Plädoyer für eine lebendige Demokratie hat sich der frühere Bundespräsident Christian Wulff aus dem Amt verabschiedet. „Ich wünsche Deutschland von ganzem Herzen eine politische Kultur, in der die Menschen die Demokratie als wertvoll erkennen und sich gerne für die Demokratie einsetzen, mit vielen positiven Erfahrungen“, sagte Wulff bei dem Empfang vor dem Großen Zapfenstreich in Berlin laut Redetext.

Auf die Gründe für seinen Rücktritt nach nur einem Jahr Amtszeit ging er nicht ein. In seiner vorab veröffentlichten Abschiedsrede äußerte Wulff allerdings „Bedauern“ darüber, dass er seine Amtszeit nicht zu Ende bringen konnte. Wörtlich sagte er: „Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können. Nun ist es anders gekommen." Bundesratspräsident Horst Seehofer dankte Wulff in seiner Rede und würdigte ihn laut Manuskript als Präsidenten, der sich besonders intensiv für einen interkulturellen Dialog eingesetzt habe.

In seiner Rede dankte Wulff ausdrücklich der Kanzlerin und der Regierung, mit der er immer gut zusammengearbeitet habe. Er betonte, dass er mit der Gedenkfeier für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt und dem Dialog der Kulturen zwei wichtige Schwerpunkte als Präsident habe setzen wollen.

Kommentare zu " Christian Wulffs Abgang: Getröte und Gelärme zum Großen Zapfenstreich"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wenn ich die Affäre Wulff so in Gedanken Revue passieren lasse, dann kommen mir nur Gedanken wie Abzocker, Lügner,
    Betrüger in den Sinn. Und das hat immer noch kein Ende.
    Jetzt versucht er noch ein Büro und Sekretärin zu bekommen.
    Deutschland ist mit der Zahlung eines "Ehrensoldes" von 20000€ bestraft worden. Für die Sicherheit muss Deutschland tiefer in die Tasche greifen. ca. 500.000€ pro anno.
    Es stände dem Lügner und Abzocker Wulff gut zu Gesicht, auf ein Büro ein zu verzichten. Sonst muss das der Haushaltsausschuss regeln. Wenn er gemeinnützige Arbeit machen will, bitteschön, aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit.Sondern von Seinem Ehrensold

  • Herr Wulff erweckt doch weiterhin den Eindruck, nur seine Vorteile zu sichern.
    Anständiges Verhalten wäre für mich gewesen, wenn Herr Wulff bis zur Beendigung des strafrechtlichen Verfahrens gewartet hätte, um dann letztendlich über alle Leistungen eine Entscheidung herbeizuführen.
    Das erste, was er aber wohl glaubte, sich sichern zu müssen, war der so genannte Ehrensold.
    Da wurde ohne Not innerhalb weniger Tage mit Hilfe seines Vertrauten Hagebölling entschieden, der Rücktritt sei aus "politischen Gründen" erfolgt ohne weitere Begründung. Keine Definition, was "politische Gründe" sind und also auch keine entsprechende Subsumption. (Lernt jeder Jura-Student im ersten Semester) Ich hoffe, dass darüber noch eine gerichtliche Prüfung stattfindet. Gestern kam bei Illner ein Strafrechtsprofessor zu dem Schluss, es handele sich um juristische Gründe beim Rücktritt und damit nicht um „politische Gründe“. Also ist die juristische Bewertung sehr streitig und bedarf einer gerichtlichen Klärung m.E. .
    Durch dieses Verhalten des Herrn Wulff muss doch der Eindruck entstehen, es gehe letztlich nur um die Privilegien. Daraus resultiert auch der Volkszorn.

  • Rainer-J
    ganz einfach, nach seiner Lindauer Rede mußte allen Deutschland-Zerstörern im Bundestag klar sein, dass Wulff den ESM-Vertrag nicht unterschreiben wird. Somit war er für Merkel unbrauchbar
    Dass Wulf Fehler gemcht hat bei seiner Verteidigung war klar, dass er korrupt ist auch. Er war auchnie für das Amt geeignet, aber Merkel wollte einen willfährigen Typen dort haben und das entpuppte sich dann nach der Lindauer Rede eben als Irrtum und diese Rede war wohl der Auslöser
    Und ich bin überzeugt davon, dass die Bild den Auftrag für ihre Kampagne von Merkel hatte, man ist ja eng befreundet.
    Mich erinnerte das alles so an bißchen an diese Kampagne seinerzeit gegen Stoiber von dieser kleinen völlig unbedeutenden Landrätin aus Nürnberg
    Stoieber war noch der letzte aufrechte konservative Christdemokrat und störte Merkel in ihrem sozialistischen Treiben, ergo mußte er weg
    Wer Katharina die Große als Vorbild hat, weiß schon wie man sich unliebsamer Leute entledigt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%