Claudia Kemfert
„Ohne Energieminister ist die Energiewende nicht zu schaffen“

Vor einem Jahr hat Kanzlerin Merkel eine spektakuläre Wende in der Energiepolitik vollzogen. Doch das Projekt kommt nur zögerlich voran. Worauf es jetzt ankommt, erläutert die DIW-Ökonomin Claudia Kemfert im Interview.
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Handelsblatt Online: Frau Kemfert, vor einem Jahr präsentierte das schwarz-gelbe Bundeskabinett sein Energiewende-Konzept, mit hohen Zielen: 2020 sollen 35 Prozent unseres Stroms durch Wind- und Sonnenenergie sowie Biomasse und Wasserkraft sichergestellt sein. Halten Sie das für machbar?

Claudia Kemfert: Es ist auf jeden Fall machbar, da wir heute ja schon 20 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien herstellen. In Bayern und Baden Württemberg gehen die restlichen Kernkraftwerke vom Netz, beide Bundesländer haben sich vorgenommen den Anteil der erneuerbaren Energien deutlich zu erhöhen. Auch Nordrhein Westfalen will den Anteil deutlich erhöhen. Somit werden wir sicherlich diese Größenordnung erreichen können.

Die deutsche Wirtschaft hat Zweifel, dass die in Deutschland künftig produzierte Energie nur so viel kosten wird, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt. Sehen Sie auch, dass es in dieser Hinsicht Probleme geben könnte?

Es ist richtig, dass Deutschland vergleichsweise hohe Strompreise hat, allerdings sind die energieintensiven Industrien schon heute von Zahlungen der erneuerbaren Energien Umlage, der Ökosteuer und der CO2-Zertifikate weitestgehend ausgenommen. Diese Ausnahmen hat man eingerichtet, um die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden. Für die Industrie sind zudem die Börsenpreise für Strom entscheidend – diese können sogar sinken mit der Zunahme des Angebots aus erneuerbaren Energien.

Im Übrigen zeigen unsere Modellrechnungen, dass die Strompreise auch ohne Energiewende steigen würden, aufgrund von Preissteigerungen bei fossilen Energien und mangelndem Wettbewerb. Selbst ohne Energiewende würde das Netz wie geplant erneuert und überarbeitet und alte Kraftwerke durch neue ersetzt. Der Strompreisanstieg beim Börsenstrompreis, der allein auf die Energiewende zurückzuführen ist, ist sehr gering.  Der Ausbau der Netze auf dezentraler Ebene sowie ins europäische Ausland sollte auch ohne Energiewende getätigt werden.

Das heißt für die Preise?

Auch ohne Energiewende steigen die Energiekosten. Umso wichtiger ist es, sparsamer mit Energie umzugehen und alles zu tun, um die Energieeffizienz zu verbessern. Ein Zusammenschluss starker Industrieunternehmen, die beispielhaft Energieeffizienzmaßnahmen umsetzen (Deneff) zeigt eindrucksvoll, was die deutsche Industrie in diesem Punkt leistet. Ich würde mir wünschen, man würde derartige Initiativen stärker unterstützen.

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  • ... mag sein, dass die Laufzeiten noch ein paar Jahre verlängert werden. Wenn es aber daran geht, die alten Kraftwerke zu ersetzen wird Atomstrom einfach zu teuer sein.

    In Deutschland werden (zusätzlich zu den außer Betrieb genommenen Kernkraftwerken) schon jetzt die ersten Kraftwerke abgeschaltet, weil sie im letzten Jahr nur ein paar Stunden gelaufen sind.

    Das wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken, wenn die Verbraucher sich am Stromangebot orientieren. Der private Verbraucher wird dann:
    Wasser erwärmen,
    das Auto aufladen,
    die Waschmaschine anstellen,
    den Trockner anstellen,
    die Spülmaschine anstellen,
    den Rasen schneiden,
    ...
    wenn der Strom "nichts" kostet, weil es windig ist oder die Sonne scheint oder der Gezeitenstrom gerade seine maximale Geschwindigkeit erreicht. In der Industrie wird man ebenfalls nach Möglichkeit stromintensive Vorgänge in Zeiten legen, wo Strom billig angeboten wird.

    Man braucht keine Ökoreligion, um zu erkennen, dass die jetzt noch gängigen Wasserkocher bald einfach zu teuer werden. Die Marktwirtschaft in Verbindung mit einem Smart Grid wird das machen.

  • Bei den gewaltigen Strommengen die gespeichert werden müssen ist der Wirkungsgrad der Speicherung (Strom raus/Strom rein) sehr wichtig und entscheidet neben der Machbarkeit ob eine Technologie genutzt werden kann oder nicht.
    In diesem Blog werden die potentiellen Techniken verglichen:
    http://energiespeicher.blogspot.de/2012/04/wirkungsgrad-von-speichern_17.html

  • Durchsichtig: Bei einer Selbstdarstellerin, wie der Interviewten, ergibt sich natürlich die Empfehlung zur Energieministerin.

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