Clement lobt Einigung bei Daimler-Chrysler als „Sieg der Vernunft“
Experten sehen Flächentarif im Wandel

Wirtschaftsminister Wolfgang Clement hat die Einigung auf ein Sparpaket bei Daimler- Chrysler als „Sieg der Vernunft“ begrüßt. Der Pakt für eine Personalkostensenkung bei gleichzeitiger Beschäftigungssicherung beweist die Funktionsfähigkeit des Tarifsystems – wie zuvor der Kompromiss der IG Metall mit Siemens, die durch die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche Stellen sichern soll.

dc BERLIN. Ob solche Pakte für eine Stärkung oder eine Schwächung des Flächentarifsystems stehen, bleibt umstritten. Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs bei der Hans- Böckler-Stiftung, sieht dessen Zukunft noch nicht gesichert: „Die Entwicklung steht noch auf der Kippe.“ Noch sei offen, ob sich das System bei leicht veränderter Balance zwischen Tarifvertrag und betrieblicher Regelung wieder stabilisiere – oder ob die Auflösung des Flächentarifs begonnen habe.

Für Bispinck sind Siemens und Daimler-Chrysler nicht vergleichbar: Siemens markiere einen tiefen Einschnitt in den Kern der Tarifstandards für die Metall- und Elektroindustrie. Das gelte für die Vereinbarungen bei Daimler nicht in gleicher Weise, da sie – abgesehen von der geplanten Arbeitszeitverlängerung für Servicepersonal – das Tarifniveau für die Metaller kaum antaste. „Insofern ist Daimler eher Beispiel für eine Teil-Stabilisierung des Tarifsystems“, folgert Bispinck.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), sieht dennoch Gemeinsamkeiten: „Beide Beispiele markieren einen „positiven gesellschaftlichen Lernprozess, durch den ökonomische Theorie in praktische Erfahrungen übersetzt wird.“ Sie verdeutlichten, dass es den von Gewerkschaftern häufig bestrittenen Zusammenhang zwischen Arbeitskosten und Beschäftigungsvolumen gebe. Zugleich belegten die Beispiele, „dass wir unsere Position im Standortwettbewerb sehr wohl verbessern können – ohne die Löhne gleich auf polnisches oder indisches Niveau zu senken.“ Auf ein Ende des Flächentarifvertrags laufe dieser Prozess nicht hinaus. Ein prinzipieller Vorzug bleibe, dass der Flächentarif aus Sicht der Unternehmen Verhandlungskosten senke. „Allerdings geht es darum, die Grenzlinie zwischen abstrakter Tarifnorm und spezifischen Regelungsmöglichkeiten im Betrieb neu zu ziehen“, sagt Hüther.

Der Arbeitsmarktökonom Norbert Berthold zeichnet ein optimistisches Bild: „Für Arbeitnehmer und ihre Vertreter könnten sich neue Perspektiven eröffnen, wenn sie mit den Unternehmen aufgeschlossen über Gegenleistungen für Zugeständnisse bei Lohn und Arbeitszeit verhandeln.“ Das könne von Beschäftigungszusagen bis zu Kapitalbeteiligungen reichen. „Selbst Debatten über zu hohe Managergehälter könnten dann ganz anders geführt werden“, sagt Berthold: wenn die Beschäftigten durchsetzen, dass ertragsbezogene Bestandteile ihrer Löhne nach denselben Kriterien kalkuliert werden wie die der Chefs.

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